Nichtengeschichten Teil 2

Selbstverständlich ging es mit den beiden jungen Damen auch in den Zoo. In der Ferienzeit ist das immer eine etwas lärmige und unruhige Angelegenheit, ein lebendes Wimmelbild, und so blieb zum Zeichnen nur wenig Gelegenheit. Bei den Pinguinen konnte ich ein paar sehr zügige Skizzen machen, die ich dann zu Hause ergänzt habe.

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Eine schnelle Pinguinskizze mit Derwent Finelinern, zu Hause mit Tinte und Farbe ergänzt.

Ganz anders die Schuhe. Nach dem Schuhkauf am nächsten Vormittag brachten die beiden genug Geduld auf, dass ich von den Früchten der Aktion eine recht genaue lineare Zeichnung anfertigen konnte. Bei der weiteren Ausgestaltung habe ich mich durch einen Blogbeitrag von Jutta Richter anregen lassen: zuerst werden mehrere Graustufen mit verdünnter wasserfester Tinte aufgebracht – ich habe die von Super5 verwendet. Danach kann mit lasierender Wasserfarbe koloriert werden. Der Prozess erinnerte mich an botanisches Arbeiten – wenn auch dort die Grautöne mit Wasserfarbe angelegt werden. Das Ergebnis ist etwas statisch – so ziemlich das Gegenteil der lockeren Pinguine.

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Kinderschuhe. Die lineare Zeichnung habe ich später zuerst mit einer Untermalung aus wasserfester Tusche versehen und dann koloriert.

 

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Mein erstes Auto

Der Berliner Nordwesten ist nicht hip. Im Niemandsland zwischen Großmarkt und Autobahn, zwischen S-Bahn, Kleingartenverein und Kanal sind die langen geraden Straßen leer, grau und – in den Grenzen des Möglichen – sogar still. In so einer stillen Straße beherbergt ein ehemaliges Straßenbahndepot einen ganz besonderen Schatz: Die Classic Remise Berlin, eine riesige Oldtimer-Garage.

Als Berliner Zeichenfreunde den Ort für ein Nachmittagstreffen vorschlugen, war ich innerlich ein bisschen zweifelnd. Autos zeichnen? Ich? Ist das nicht eher so ein Ort für eckige Typen mit Goldkettchen? Angekommen lief ich erst einmal zwanzig Minuten durch die Reihen der dort geparkten (und zum Verkauf angebotenen) Autos: vom 100 Jahre alten Vorkriegsauto über Rennwagen aus allen Zeiten und Ländern bis zu alten Kleinwagen ist alles dabei. An einer Wand der Halle entlang ziehen sich Werkstätten, in denen unter den Augen kundiger Besucher geschraubt, poliert und auch mal mit dem Motor geröhrt wird.

Ich ließ mich mit Blick auf eine Werkstatt nieder und zeichnete zum ersten Mal im Leben ein Auto: einen Volvo 444 von 1953, „Buckelvolvo“ genannt, das schwedische Pendant zum „Käfer“ und der Anfang der Volvo-Erfolgsgeschichte. Kaum hatte ich begonnen, bot mir der Inhaber der Werkstatt einen Kaffee an – überhaupt war die Stimmung in der ganzen Halle angenehm und freundlich. Was – so begann ich zeichnend zu ahnen – auch gar nicht anders sein kann, bei der fast zärtlichen Sorgfalt, mit er dort alle mit ihren „Schützlingen“ umgehen.

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1953er Volvo, gezeichnet und aquarelliert in der Classic Remise Berlin. (Zu Hause habe ich die Farbe noch einmal etwas vertieft.)


Kunigundes Kemenate

Ich hatte den Eintritt bezahlt und durfte nun die Gößweinsteiner Burg betreten und besichtigen. Es hat sich gelohnt! Der erste verblüffende Eindruck war der von der Kleinheit der Anlage. Was von fern riesig auf hohem Berg erscheint, rückt nach gar nicht so viel Höhenmetern nahe und schrumpft auf die Größe von zwei Einfamilienhäusern plus einräumiger Kapelle. In diesem Ambiente sind ein paar Räume geöffnet, die im Mittelalterrevival des 19.Jahrhunderts letztmalig renoviert und noch nie museumspädagogisch verbessert wurden. Darin stehen ein paar schöne alte Eichenmöbel, manche mittelalterlich, manche nur so tuend. Eine Aufsicht gibt es auch nicht, die Möbel bleiben dank ihres Gewichts ohnehin am Platz, was immer man versucht.

Ich hatte es mir in der „Kemenate“ gemütlich gemacht, in der das Bett und ein zugehöriger Schrank wohl wirklich ein paar hundert Jahre alt sind. Wenn ich mich auf die Strohmatratze gelegt und ein Mittagsschläfchen gemacht hätte, wäre es vermutlich auch nicht aufgefallen; ich habe mich aufs Zeichnen beschränkt, und das auch nur mit Bleistift. Zu Hause habe ich das Ganze dann mit PITT-Pens und etwas Bleistift ausgeführt.

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Bett in dem als „Kemenate“ bezeichneten Raum der Gößweinsteiner Burg. PITT-Pens und etwas Bleistift.

 

 


Meliora cogito

„Meliora cogito“ – Trachte nach dem Besseren – bevor ich meinen kleinen Aquarellkasten gezeichnet habe, war mir nie aufgefallen, was dort geschrieben steht. Eigentlich sollte so ein Schmincke-Kasten ja wohl ein Leben lang halten, doch den ersten, den ich – noch in DDR, welche eine Kostbarkeit! – geschenkt bekommen hatte, habe ich mir klauen lassen, und den zweiten – Schwarz auf Schwarz – beim Packen in den Ledersesseln eines Ferienhauses liegen gelassen. Dieser hier nun begleitet mich treu in meinem Alltagsskizzenpäckchen, der Lack schon etwas angestoßen – waren die früheren nun solider oder nur seltener genutzt?

Vor einem Jahr habe ich, als ich anfing, das Zeichnen mit Tinte zu entdecken, meine Füllfederhalter gezeichnet – nun war mir die Renovierung meines Aquarellkastens Anlass, ihn abzubilden. Es soll ja Freaks geben, die wirklich nur mit drei Primärfarben arbeiten, ich habe lieber ein paar Näpfchen mehr dabei. Beim schnellen Skizzieren sind mir „fertige“ Farbtöne willkommen und ich muss nicht ständig mit dem blauen Pinsel ins Gelb. Und bei aller Leichtigkeit: Aquarellfarben bestehen aus Pigmenten mit bestimmten physikalischen Eigenschaften, sie granulieren oder nicht, decken oder lasieren und können einander auf dem Blatt verdrängen, statt sich zu mischen. Außer Sepia und Indigo, die zusammen ein schönes opakes Grau bis fast zum Schwarz ergeben, bevorzuge ich lasierende Töne, weshalb ich z.B. das Standard Englischrot durch Krappbraun ersetzt habe – mal sehn, ob es sich bewährt. Wer genau hinsieht, entdeckt zwei fast gleiche Ockertöne – an die Stelle des einen soll noch ein ebenfalls lasierendes helles Braun treten, da habe ich mich vergriffen und muss noch ein bisschen suchen: meliora cogito.

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Japonismus, morgens

Es gibt einen schönen kleinen Film über den Zeichner Danny Gregory, der ihn dabei zeigt, wie er sein Frühstück zeichnet: natürlich werden Tee und Toast kalt, doch das Ergebnis ist hinreißend. Nun ist Gregory ein Profi, den neben vielem anderen auch eins von uns Laien unterscheidet: er ist schnell. Bei mir kommt in der gleichen Zeit allenfalls eine Bleistiftskizze heraus. Daher sind Morgenbilder, obschon ich diese Zeit liebe, bei mir knapp und im Zug nachkoloriert. Was zwar die Striche manchmal etwas wacklig macht, aber doch mehr Spaß als immer nur Rucksäcke und halb angeschnittene Mitreisende abzubilden.

Die Butter, in konventionellem Stil, entstand irgendwann im Winter, wenn das Bedürfnis nach kräftigen Farben bei mir am stärksten ist, der  japanisch inspirierte Milchtopf (passender Weise mit Sojamilch) in den letzten Tagen nach meinem Besuch in der großen Japan-Ausstellung des MKG Hamburg.

 


Hokusai und Manga

„Die große Welle“ des japanischen Holzschnittkünstlers Hokusai gehört zu den Kunstwerken, die im medialen Zeitalter Teil der Populärkultur geworden sind. Doch wer weiß schon, dass das Bild auch zur Zeit seiner Entstehung bereits „Pop“ war? Farbholzschnitte waren – da aufwändig in der Herstellung – eher gehobene Massenartikel; sie wurden begleitet von unzähligen Schwarzweißarbeiten, Einzelblättern, Büchern mit Fortsetzungsgeschichten – Mangas.

Die Ausstellung Hokusai x Manga im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe bietet einen opulenten Blick auf das Genre von seinen Anfängen im 17.Jahrhundert bis in die Gegenwart, seinen zahlreichen Längs- und Querbezügen. Neben zahlreichen Blättern von Hokusai, Hiroshige und vielen anderen gibt es auch Originalzeichnungen moderner Manga-KünstlerInnen zu sehen – neben vielem anderen, Cosplay-Kostümen, Videos, Spielzeug …

Das MKG konnte auf eine umfangreiche Dauerausstellung ostasiatischer Kunst zurückgreifen – die Räume sind gleich nebenan, und wer noch Seh- und Stehvermögen hat, kann hier noch weiter in Japonismus schwelgen.

Ich habe meine beiden modernen Favoriten gezeichnet und, klar, noch eine Katze aus der Dauerausstellung.

 


Fast jeder Tag im Mai, dritter und letzter Teil

Geschafft! 25 Tage lang habe ich täglich eine Skizze abgeschlossen, mal mehr, mal weniger aufwändig, meist am Abend. Hatte ich vorher schon Hochachtung vor den Täglichzeichnern, ist sie in dieser Zeit noch einmal gestiegen.

Gelernt habe ich eine Menge in diesem Monat, zeichentechnisch, klar, doch darüber hinaus etwas über meine Art, die Welt zu sehen und abzubilden. Mehr noch als früher weiß ich nun, wie sehr ich die kleine Form liebe, das Detail, für das ich gern auch etwas länger brauche. Weshalb sich in dieser Serie auch keine Bilder von Menschen finden, für deren Abbildung Tempo nötig ist und etwas Nonchalance. (Zumal wenn sie, wie es so ihre Art ist, sich auch noch bewegen.)