Komische Heilige

Letzten Sonntag wollte ich zum Abschluss meines Belliner Wochenendes noch ein bisschen in der Kirche zeichnen. Ich hatte mir dieses Mal den Altaraufsatz vorgenommen, der klugerweise nicht auf dem Altar, sondern in einer etwas dunklen Ecke steht. Er ist aus zwei schon einzeln wenig gelungenen Teilen zusammengestückelt: einem barocken Altarbild samt Predella, auf der Jesus beim Abendmahl aussieht wie ein Kavalier auf der Grande Tour, und den Flügeln mit sechzehn Heiligenfiguren.

Diese Heiligen sind lupenreine spätgotische Massenware, auf den ersten Blick langweilige, auf den zweiten unfreiwillig komische in die Länge gezogene Gesellen. Den komischsten von ihnen habe ich mir zum Zeichnen vorgenommen, einen St.Veit, der mit verdrehten Augen und Kussmündchen in seinem Topf voll siedendem Öl steht. Nein, Mittelalter ist nicht immer romantisch!

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Heiliger Veit, spätgotische Altarfigur in der Kirche von Bellin/Mecklenburg.

Auf dem Heimweg bin ich noch bei Barlach vorbeigefahren, im Güstrower Atelierhaus am Heidberg, einer sehr schönen und erstaunlich wenig besuchten Anlage. Nach einigen Überlegen habe ich mich dann entschieden, die „Pilgerin“ aus dem „Fries der Lauschenden“, der in einem Gipsentwurf dort hängt, zu zeichnen. Die Ikonographie des Frieses hat, wie vieles bei Barlach, Anklänge an mittelalterliche Sakralkunst. Die unfreiwillige Komik kam dann beim Zeichnen von selbst: indem ich anfangs den Hut der Dame etwas zu hoch zeichnete, sah die ganze Figur gleich aus wie mit einem jener 20er-Jahre-Topfhüte geschmückt – und ich bekam das Bild dann trotz Korrektur nicht mehr aus dem Kopf.

Beide Bilder habe ich mit einer Untermalung aus wasserfester Tusche versehen, bevor ich sie farbig übermalt habe.

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„Die Pilgerin“ aus dem „Fries der Lauschenden“ von Barlach.

 

 

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Streiflicht

Am Wochenende war ich wieder einmal in dem mecklenburgischen Dörfchen Bellin. Ich hatte mir vorgenommen, mich mal damit zu befassen, wie sich ein Motiv vereinfachen lässt. Ich versuchte mich an Umrissen und zusammenhängenden Farbflächen und musste feststellen, dass Perspektive etwas ist, das man ganz schlecht wieder aus dem Kopf bekommt.

Da ich auch wasservermalbare Graphitstifte dabei hatte, probierte ich eine Untermalung damit. Die Stifte sind sehr weich und erinnern eher an Kohle oder Kreide als an einen herkömmlichen Bleistift. Sie lassen sich sehr gut vermalen, was leider den Effekt hat, dass man die Zeichnung nicht mit Aquarell fixieren kann – schnell hat man das Graphit überall im Bild. Möglicherweise wäre später, wenn alles durchgetrocknet ist, noch eine Lasur möglich, das habe ich dann aber nicht mehr probiert, sondern das Bild so etwas rau gelassen.

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Dorfkirche Bellin kurz vor Sonnenuntergang. Wasserfarbe über Graphitstift. Etwa A5. 

 


Ruhe und Maß

In der Schweriner Schelfstadt, in der ich wohne, wechseln sich spätbarocke Fachwerkhäuser mit moderneren Gebäuden ab, die nach und nach in die Lücken gebaut wurden und so den Übergang von der Ackerbürgerstadt zur Residenz nachzeichneten. Die Fachwerkhäuser sind ungleich schlichter als ihre Verwandten in Mittel- und Süddeutschland, und ihr einziger Schmuck ist meist die Tür. Ich habe schon eine lange Liste dieser schönen klassizistischen Türen angelegt, die ich irgendwann einmal abbilden will – in die Tat umgesetzt habe ich den Vorsatz nun am ehemaligen Pfarrhaus des Dörfchens Bellin nahe Güstrow.

Beim Zeichnen wurde mir erst wirklich klar, wieviel Ruhe und Maß in diesen letzten vorindustriellen Holzarbeiten steckt. Einfache geometrische Dekore gliedern die Fläche, kein Schnörkel zu viel, kein am Fließband gefertigter Schnickschnack … Statt dessen wohl abgewogene, harmonische Formen und Strukturen. Diese Tür zu zeichnen hat mein Herz geklärt und den Geist beruhigt.

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Tür des „Hauses der Stille“ in Bellin/Mecklenburg


Belliner Beinwell

Ende August war ich wieder mal für ein paar Tage im mecklenburgischen Bellin. Das „Haus der Stille“ liegt, von uralten Linden umgeben, auf einem kleinen Hügel zwischen tief abgesenkten sumpfigen Bachniederungen. Am schattigen Hang hat sich Beinwell ausgebreitet, rau und großblättrig und um die Zeit mit einigen späten Nachblüten. Dort konnte ich nach langer Zeit mal wieder die Gelegenheit ergreifen, eine Pflanze am Ort ihres Wachsens zu zeichnen.

Ganz einfach ist so etwas nicht. Wind bewegt die Blätter, der Gartenstuhl sinkt in der feuchten Erde ein und spätestens wenn Farbe ins Spiel kommt, fehlen die dritte und die vierte Hand. (Immer wieder mal veröffentlichen andere Zeichner kluge Konstruktionen von all-inclusive-Leichtstaffeleien, doch mit denen ginge es mir vermutlich wie mit dem Angelrucksackhocker: sie stehen im entscheidenden Moment zu Hause in der Kammer.)

Am Ende habe ich dann doch wieder zu Hause nachgearbeitet, ein paar Linien nachgezogen, Schatten vertieft, Spritzerchen und nicht zuletzt ein bisschen Schrift eingefügt, nicht ohne in meinen Kräuterbüchern ein bisschen über den Beinwell zu lesen. Schon allein der Name klingt so wunderbar archaisch aus einer Zeit zu uns herüber, in der Knochen noch Bein hieß und „wallen“ (das auch mit Welle, Wal und Wels entfernt verwandt ist) auch „zusammenwachsen“ bedeutete. Eine der vielen alten Wundpflanzen also, und zwar eine, die das Zeug hat, sogar die Heilung von Knochenbrüchen zu beschleunigen.

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Beinwell – Symphytum officinale – Tinte und Aquarell auf S&B Beta. 

 

 


Anna im Rankenwerk

Als dritter und letzter Teil meiner Belliner Bilder ist heute noch eine Innenansicht der Kirche fertiggeworden. Die Ausmalungen sind im 19.Jahrhundert restauriert und im Zeitstil verändert worden, einige mehr, die anderen weniger. Am schönsten fand ich eine Adam-und-Eva-Darstellung in der Apsis, aber um die zu zeichnen, hätte ich mir den Hals verrenken müssen. So habe ich mich für eine Darstellung der heiligen Anna, der Mutter Mariens, im Chorraum entschieden. Sie ist von ziemlich chaotischem Rankenwerk und drei musizierenden Engeln umgeben, an denen vermutlich der Künstler des 19.Jahrhunderts etwas nachgeholfen hat. (Apropos – ein hinreißendes Buch, in dem diese Art von „Restaurierung“ und ihr nahtloser Übergang in die Fälschung beschrieben wird: „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ von Alex Capus)

Im Segment links daneben ist die mystische Verlobung der heiligen Katharina mit dem Jesusknaben dargestellt – eine für uns heutige etwas verwirrende Szene.

Chorraum der Belliner Kirche mit Darstellung der heiligen Anna. Marker und Wasserfarbe in S&B Beta.

Chorraum der Belliner Kirche mit Darstellung der heiligen Anna. Marker und Wasserfarbe in S&B Beta.


Porträt einer Eiche

Als Abschluss meines Belliner Wochenendes habe ich eine Eiche porträtiert, eine Eiche, wie sie eichiger kaum denkbar ist, einen solitären Baum von mindestens 200 Jahren mit mächtigem Stamm und nach allen Seiten ausladenden, reichlich beblätterten Ästen: eine Persönlichkeit, für die der Begriff „Porträt“ durchaus angemessen ist.

Auch hier hatte ich Zeit: ich konnte vor Ort die Form und die wichtigsten Schatten anlegen. Heute hatte ich Gelegenheit für die Feinarbeit. Bei der technischen Gestaltung habe ich mich von Claudia Nice‘ wunderbarem Buch „Creating Textures in Pen&Ink with Watercolor“ anregen lassen.

Eiche. PITT-Pen und Wasserfarbe auf Arches HP 300g.

Eiche. PITT-Pen und Wasserfarbe auf Arches HP 300g.


Bellin

Im stillen Herzen Mecklenburgs, etwas südlich von Güstrow, liegt der kleine Ort Bellin, der im Mittelalter vielleicht bedeutender war als heute – jedenfalls lässt die wuchtige Kirche das ahnen. Heute steht sie etwas außerhalb des Dorfes auf einem Hügel, umgeben von alten Linden und benachbart mit dem ehemaligen Pfarrhaus. In diesem Haus, das heute ein kleines, liebevoll von einem Verein geführtes Einkehrhaus ist, habe ich das vergangene Wochenende verbracht.

Bei makellosem Spätsommerwetter durfte ich einen ganzen Vormittag lang ungestört im Schatten der Bäume sitzen, so dass ich die Zeichnung einschließlich Kolorit fast vollständig dort fertigstellen konnte – ich habe zu Hause nur noch mit zwei Farbschichten die Kontraste vertieft.

Die Kirche von Bellin am Morgen. Kolorierte Federzeichnung in S&B Beta.

Die Kirche von Bellin am Morgen. Kolorierte Federzeichnung in S&B Beta.