Kunigundes Kemenate

Ich hatte den Eintritt bezahlt und durfte nun die Gößweinsteiner Burg betreten und besichtigen. Es hat sich gelohnt! Der erste verblüffende Eindruck war der von der Kleinheit der Anlage. Was von fern riesig auf hohem Berg erscheint, rückt nach gar nicht so viel Höhenmetern nahe und schrumpft auf die Größe von zwei Einfamilienhäusern plus einräumiger Kapelle. In diesem Ambiente sind ein paar Räume geöffnet, die im Mittelalterrevival des 19.Jahrhunderts letztmalig renoviert und noch nie museumspädagogisch verbessert wurden. Darin stehen ein paar schöne alte Eichenmöbel, manche mittelalterlich, manche nur so tuend. Eine Aufsicht gibt es auch nicht, die Möbel bleiben dank ihres Gewichts ohnehin am Platz, was immer man versucht.

Ich hatte es mir in der „Kemenate“ gemütlich gemacht, in der das Bett und ein zugehöriger Schrank wohl wirklich ein paar hundert Jahre alt sind. Wenn ich mich auf die Strohmatratze gelegt und ein Mittagsschläfchen gemacht hätte, wäre es vermutlich auch nicht aufgefallen; ich habe mich aufs Zeichnen beschränkt, und das auch nur mit Bleistift. Zu Hause habe ich das Ganze dann mit PITT-Pens und etwas Bleistift ausgeführt.

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Bett in dem als „Kemenate“ bezeichneten Raum der Gößweinsteiner Burg. PITT-Pens und etwas Bleistift.

 

 

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Kein Kaffee, kein Kuchen

Gegenüber der Gößweinsteiner Basilika prangt auf einem Hügel die dortzulande unvermeidliche Burg. Mit Türmchen und Zinne sieht sie aus wie vom Tourismusbüro aufgestellt, jeden Moment erwartet man Ritter Kunibert an der Brüstung zu sehen – wenn man sich den Antennensalat wegdenkt, der irgendwas mit Fernsehen zu tun hat.

Macht man sich die Mühe hinaufzusteigen, erwartet einen allerdings eine Überraschung in Form einer schwarzen Tafel, auf der mit Kreide die denkwürdigen Worte stehen:

EINTRITT 2,50, AUCH AUSSICHT!

KEIN KAFFEE, KEIN KUCHEN!

Auf dieses Meisterstück touristischer Vermarktung angesprochen, erhielt ich von meiner Pensionswirtin einen ausführlichen Vortrag über die Hintergründe der Schildbürgerei – selbstverständlich einschließlich der erotischen Verwicklungen. Und diverser Verwünschungen in Richtung des Schildaufstellers … (Ich greife meinem nächsten Beitrag schon mal vor: ich habe den Obolus entrichtet. Und es gab auch etwas zu zeichnen.)

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Burg Gößweinstein vor Wolken. Gezeichnet vor Ort, koloriert zu Hause.


Schloss Greifenstein

Am dritten Tag meiner Wanderung bin ich von Königsfeld ziemlich gerade Richtung Süden gegangen, über den Fränkischen Jura, diese karge und trockene, daher dünn besiedelte Hochfläche. Waldstücke wechseln mit Wiesen und kleinen, steinigen Äckern, erst nach etlichen Kilometern wieder ein Dorf. Dann ist schon der Albrand nicht weit, und bevor es hinunter geht ins Tal, steht ein prächtiges, von unten weithin sichtbares Schloss. Oder doch eher eine Burg? Wenn man sich von oben nähert, kann man das vermuten, man sieht eine Zugbrücke, bewacht von zwei steinernen wappentragenden Löwen und dahinter ein abweisend verschlossenes Tor.

Weit und breit kein Mensch. Da ich schon recht müde war, als ich dort ankam, beschloss ich das Schild „Führung Samstag 15:00“ zu ignorieren und nur einen der beiden Wappenlöwen zu zeichnen. Kaum hatte ich mich mit meinem Zeichenbuch an den Rand der Zugbrücke gestellt, kamen die ersten Besucher, schauten mich scheu an, ob sie wohl meinen Zeichenweg kreuzen dürften und huschten über die Brücke zum Tor. So ging es weiter und weiter, alle mussten an mir vorbei, bis schließlich eine große Menschentraube vor dem Tor stand und ich mir mittlerweile vorkam wie die dritte Torlöwin.

Vermutlich bot das wackere fränkische Netz mal wieder eins von seinen zahlreichen Funklöchern, sonst hätte ich vielleicht mal nachgeschaut und wäre doch zur Führung mitgegangen. Schloss Greifenstein hat nämlich eine interessante Geschichte, wurde in Renaissance und Barock von einer Ritterburg zu einem imposanten Schloss umgebaut und wo jetzt verwilderter Mischwald die Hügelkuppe bedeckt, lag einst ein akribisch gepflegter Landschaftspark. Das Schloss ist seit Jahrhunderten und bis heute im Besitz einer Familie des Fränkischen Uradels, der Schenks von Stauffenberg, eben jener Stauffenbergs, die beim Attentat auf Hitler so eine große Rolle gespielt hatten.

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Torlöwe mit Wappenschild am Schloss Greifenstein oberhalb von Heiligenstadt/Oberfranken.


Postkarten

Dieses Jahr hatte ich auf meiner Wanderung neben meinem gebundenen Skizzenbuch auch ein Kästchen mit Aquarellpostkarten dabei. Das erwies sich als Glücksfall: auf Reisen bin ich mit meinen Zeichnungen im Reisetagebuch nicht so locker wie zu Hause, ist es weniger Skizzenbuch, habe ich eine gewisse Scheu vor dem Vorläufigen. Außerdem hatte ich dieses Jahr ein Exemplar mit sehr glattem Papier dabei – Stillman&Birn Zeta – das sich für exakte Studien am heimischen Zeichentisch gut eignet – für Aquarell unterwegs nur bedingt. Dazu noch die Kälte, in der die Farben langsam trocknen.

Also habe ich mich auf den Karten locker gemalt: Füller oder Tintenstift raus, schnelle Skizze ohne Vorzeichnung und großzügige und nicht zu sehr an den Originaltönen klebende Kolorierung abends im Gasthof. Das strukturierte Papier hat mir dabei ebenso geholfen wie das Wissen, auch mal eine Karte verwerfen zu dürfen.


A Email hammer net

„A Email hammer net, schicken’s a Kartn“. Das hatte ich getan und mich auf diese Weise im Gasthof von Wohlmannsgesees auf dem Fränkischen Jura angemeldet. Als ich bei sanfter Nachmittagssonne dort ankam, hing ein Zettel an der Tür: „Bin in einer Stunde wieder da. Anna!“ Ich setzte mich auf die Bank vor dem Haus und wartete, doch die Stunde verging, die Sonne verschwand, es wurde kühl und wer nicht kam, war Anna. Bis sie schließlich auf einem Balkon auftauchte, Wäsche aufhängend und mir versichernd, sie wäre hinten im Haus gewesen und hätte immer gehorcht, ob ein Auto kommt …

Zu meiner Überraschung ist Anna Heid, obschon Witwe, keine alte Frau, sie mag jünger sein als ich und bewirtschaftet Gasthof samt Obst- und Gemüsegarten mit gelegentlicher Unterstützung ihrer Brüder allein. Sie kochte mir erst einmal eine große Kanne Kräutertee aus dem Garten, natürlich war auch das Essen hervorragend. Das meiste im Haus ist Original 70er Jahre, Fototapete, Badfliesen, Lampen und eben auch das Geschirr; doch im Gegensatz zu anderen Unterkünften ist alles picobello, wie neu und blitzsauber.

Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt und kann jedem, der die Fränkische Schweiz besucht, empfehlen, Anna Heid eine Karte zu schreiben und wenigstens eine Nacht in ihrem Gasthaus zu verbringen.

Am nächsten Tag bin ich weiter gewandert, durch Wälder voller Schopftintlinge und anderer interessanter Pilze, über hügelige Weiden mit Felsblöcken wie in einem japanischen Garten und selbstverständlich auch an der obligatorischen Burg vorbei.

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Die 70er Jahre und das Mittelalter sind in der Fränkischen Schweiz sehr präsent. PITT-Pens, Super5-Tinte in grau und etwas Wasserfarbe.


Inspiration Burgruine

In der Fränkischen Schweiz gibt es fast so viele Burgen (in verschiedensten Erhaltungszuständen) wie Felsen, auf die man eine stellen kann. Eine der bekanntesten ist die Ruine Neudeck gegenüber von Streitberg. (Das wiedrum bekrönt wird, wen wundert es, von den Resten der Streitburg. Vermutlich war das seinerzeit keine sehr friedliche Gegend.)

Nach meiner Übernachtung im Alten Kurhaus bin ich in schönstem sanften Herbstblau nach Neideck hochgestiegen und wollte es mir schon zum Zeichnen gemütlich machen, als ich ein Stück weiter noch jemanden den mit Block und Stift sah. Noch ein Zeichner, dachte ich erfreut und ging hin, um „Guten Tag“ zu sagen. Beim Näherkommen sah ich, dass der Mann mitnichten zeichnete, sondern schrieb, ja, dass überall auf Mäuerchen und Bänken schreibende Menschen saßen! Ein Schreibseminar war auf Inspirationstour hier oben, bei näherer Betrachtung noch ergänzt durch zwei ebenso eifrig werkelnde Fotografen.

Später kamen auch noch ein paar Leute, die nur die Aussicht genießen oder ihren Hund ausführen wollten. Für das ungeschulte Auge ist von der Burg nur die Ruine des Wohnturms zu sehen, es war aber einmal eine große und bedeutende Anlage, über die man auf den (sehr zahlreichen!) Infotafeln eine Menge erfährt.

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Ruine der Burg Neideck in der Fränkischen Schweiz.