Markthalle

Die Markthalle in Funchal ist in meinem Februarurlaub eine feste Größe. Über die Stimmung dort habe ich in den vergangenen Jahren schon einmal etwas geschrieben, und es gibt natürlich keinen besseren Ort, um Menschen zu zeichnen. Auch dieses Mal war ich pünktlich Freitag Morgen um acht dort.

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Auf dem Bauernmarkt in Funchal, früh um acht. Die beiden haben nur Wurzelgemüse im Angebot und langweilen sich etwas.

Am Abend vorher allerdings hatte ich mich zum ersten Mal dem Gebäude gewidmet. Letztes Jahr war eben hier in Funchal, angeregt durch einen Hotelbau von Oscar Niemeyer, mein Interesse an der Architektur der Moderne wieder erwacht. Und dann war da auch noch dieses Gerichtsgebäude im „Estado-Novo-Stil“, das mir allerhand zum Nachdenken aufgab über Ideologie und Moderne.

Jetzt sah ich zum ersten Mal bewusst, dass auch die Markthalle dieser architektonischen Epoche zuzuordnen ist, irgendwo zwischen Art déco, Futurismus und Heimatstil. Ich setzte mich im dicksten Feierabendverkehr neben eine Ampel, versuchte die Menschenmassen, Autos, Busse, Laternen zu ignorieren und mich wirklich auf das im Abendlicht erstrahlende Gebäude mit seinen Rundungen und Vorsprüngen zu konzentrieren – wobei der nächste Spaziergang daran entlang mir zeigte, dass es rechtwinkliger ist als gedacht, nur eine Längsseite verläuft aufgrund der Straßenführung schräg.

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Das Markthallengebäude In Funchal/Madeira, gezeichnet mit Lexington Grey Ink in vorkoloriertes Hahnemühle Watercolour Book.

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Der psychedelische Garten

Ganz oben auf meinem – ansonsten sehr ruhig angelegten – Besichtigungsprogramm in Funchal stand der Jardim Palheiro, auch unter dem Namen „Blandy’s Garden“ bekannt. Ich hatte ihn erst im vergangenen Jahr, bei meinem dritten Madeira-Aufenthalt, entdeckt und wusste kaum, wie ich ihm zeichnerisch beikommen sollte. Zur Geschichte und Anlage habe ich hier einiges geschrieben.

Besonders erinnerte ich mich an die wohl über hundert blühenden Kamelien und an einen etwas verwilderten, abseitigen Gartenabschnitt, in dem Montbretien und Calla unter europäisch-winterlich kahlen Platanen wucherten – ein wahrhaft psychedelischer Anblick. (Für Nicht-Gärtner: Montbretien sind leuchtend orange, bis zu einem Meter hohe lilienartige Hochsommerpflanzen, Calla große weiße Trichter, die man für viel Geld beim Blumenhändler kauft. Beide erwartet man eher nicht im Frühlingswald.)

Die dritte Pflanzenart, die um diese Jahreszeit den hochgelegenen Garten prägt, sind Magnolien von leuchtendweiß bis tiefviolett, z.T. als riesige alte Bäume.

Ich war mit dem ersten Stadtbus, der fast direkt vor meine Haustür abfuhr, hochgekommen und hatte in den ersten anderthalb Stunden den Garten für mich allein – bis dann nach und nach einige Besucher kamen – der klassische Kurzurlauber verirrt sich hier eher nicht hinauf. Und so konnte ich ganz in Ruhe eine Gartenrunde drehen, bevor ich wusste, was und wie ich zeichnen wollte. Locker vorkolorierte Seiten und Postkarten halfen mir, es nicht allzu genau zu nehmen.

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Eine von hunderten – eine rosa Kamelie hängt über den Weg.


Gleich um die Ecke

Gestern hatte ich noch große Pläne gemacht, wo ich überall hinwill auf Madeira dieses Jahr. Als ich dann heute morgen, am zweiten Reisetag, ganz still noch im Dunkeln aufs Meer sah, ging meine Uhr schon langsamer und ich bin erst einmal mit Sonnenaufgang eine Runde durchs Viertel gelaufen – natürlich auch auf der Suche nach Zeichenmotiven, versteht sich. Und wie das so ist, mal fehlt der Wein, mal der Becher, an der einen Stelle sind zu viele Autos, an der nächsten blendet die Sonne – und wo soll ich mich bloß hinsetzen, stehen mag ich heute morgen noch nicht …

Fast vor der Haustür – es war bereits warm geworden – passte es dann doch noch: ein Imbiss mit ein paar Tischen, Schatten und ein interessanter Blick … Nur das Format musste ich etwas überlisten, ich mag sonst lieber Hochformate, hatte aber das Hahnemühle Watercolour Book noch vom Eutiner Treffen her liegen. (Ist das gleiche Papier wie das Büchlein mit den Dezemberbildern, nur doppelt so groß und Breitformat.)

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Rua Doutor Juvenal – in der Nähe meiner Ferienwohnung.

 

 


Madeira im Februar – Teil 2 und Schluss

Hier noch einige letzte Nachträge aus meinem Madeira-Tagebuch.

Zuerst eine Skizze von der Aussichtskanzel des Cap Girao. Einige Tage, bevor ich es aus der Ferne gezeichnet hatte, war ich entlang einer Levada hingewandert – eine schöne Tour, die allerdings leider ohne bildliche Ausbeute blieb. Erst am Ziel genoss ich das Vergnügen, menschliches Verhalten auf einer Glasplatte in 500m Höhe zu studieren. Die Selfie-KnipserInnen waren für meinen Stift allerdings zu schnell.

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Weniger spektakulär, dafür fast kontemplativ ist die Aussicht aus dem ersten Stock des Tea House „Alfazema e Cholcolate“.

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Etwas höher gelegen, schon am Rande der Altstadt, in einem Viertel von eher morbidem Charme, gibt es noch ein drittes Tea House, dessen Besuch sich lohnt. Es befindet sich im „Museum der Erinnerungen“ und hat einen schönen Garten mit einem Springbrunnen in der Mitte.

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Immer wieder beeindruckt hat mich, wie sehr eine einfache, bodenständige Glaubenspraxis im Alltag verankert ist. Auch an Wochentagen sind die Kirchen abends zum Rosenkranzgebet voller Menschen. Eher zufällig hineingeraten, bleib ich hier in der Igreja do Carmo einfach sitzen und habe diskret weiter gezeichnet – die  Farben dann allerdings zu Hause eingefügt. Die Kirche ist wirklich so bonbonbunt, was durch eine für unsere Augen unvorteilhafte Neonbeleuchtung noch verstärkt wird.

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Am letzten Tag habe ich dann natürlich noch Obst für zu Hause eingekauft. In einem kleinen, schon von Verfall geprägten Haus zwischen Stadtautobahn und Neubauten hatte ein alter Mann eine Art Laden in einem winzigen fensterlosen Raum. Hier gab es das beste Angebot auch an Obst, das man nur selten zu kaufen bekommt, weil es sich schlecht lagern lässt, wie den saftig frischen Wollmispelfrüchten.

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Und ganz zum Schluss – natürlich – habe ich mir noch ein eher seltsames Stück Cremetorte geleistet, dass zwar sehr schön aussah, aber doch recht amerikanisch-künstlich schmeckte.

Confeitaria


Dominikus

Am letzten Tag meines Madeira-Urlaubs habe ich eine ruhige Mittagsstunde im Museu de Arte Sacra, im Museum für sakrale Kunst, verbracht. Besonders sprach mich dort eine kleine Statue des heiligen Dominikus an, der mit seinem Buch unter dem Arm und dem Stern über dem Kopf freundlich, milde und klug vom seinem Sockel schaute – wenn ihn auch die schmalen Wangen als Asketen auswiesen.

Der heilige Dominikus war eine historische Gestalt, ein charismatischer Mann aus wohlhabender spanischer Familie, der als Priester wohl genau das verkörperte, was die Schnitzfigur trotz des Blattgolds ausstrahlt: Authentizität, Wissen und die Gabe, es zu vermitteln. Damit hob er sich wohltuend von vielen Priesterkollegen ab, deren Bibelkenntnis gering und deren Amtsverständnis – vorsichtig ausgedrückt – eher weltlich war.

Dominikus predigte zuerst in Südfrankreich, in Okzitanien, wo seinerzeit die christliche Glaubensbewegung der Katharer (aus dem Wort wurde später der deutsche Begriff „Ketzer“) einen großen Einfluss hatte. Mir Heutigen erscheint die Lehre der Katharer recht düster: die materielle Welt wäre nach ihr vom Teufel geschaffen und allein die Seele, die es aus dem Kerker des Körpers zu erlösen galt, göttlich. Doch hatten sie viel Rückhalt in der Bevölkerung und bei den örtlichen Fürsten, und ihre grausame Bekämpfung durch die Zentralgewalt hat sie immer wieder zu einer Projektionsfläche für ein besseres Christentum werden lassen.

Dominikus begründete den Dominikanerorden, der eigentlich Predigerorden heißt. Dominikaner sollten später als „domini canes“ (Hunde des Herrn) eine eher unrühmliche Rolle in der sogenannten heiligen Inquisition spielen; ihre große Bedeutung für die europäische Geistesgeschichte kann darüber leicht in Vergessenheit geraten. Der Aufschwung der Wissenschaften im Spätmittelalter ist ohne die Dominikaner nicht denkbar, und auch der große Meister Eckhardt, dessen „Predigerkiche“ ich auf einer meiner Pilgerwanderungen gezeichnet habe, mit seiner weit über jede klerikale Kleingeisterei hinausreichenden intellektuellen Mystik war ein Dominikaner.

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Statue des heiligen Domenikus im Museum für sakrale Kunst, Funchal/Madeira.


Ein Tag am Meer

Es mutet schon seltsam an, wenn man auf Madeira davon spricht, man sei am Meer gewesen. Und doch: auch wenn man es in dem steilen Gelände von fast überall sieht, ist es doch ferner als anderswo, meist irgendwo tief unten oder ein Stück weg; Felsen statt Sand.

Westlich der Inselhauptstadt Funchal ist daher eigens ein Weg angelegt worden, auf dem man über immerhin sechs Kilometer das Gefühl auskosten kann, am Meer spazieren zu gehen. Selbstverständlich mussten dafür alle Register madeirischer Straßenbaukunst gezogen werden, sogar einen gar nicht so kurzen Fußgängertunnel gibt es, von dem aus man durch ein Felsenfenster die beeindruckend in eine Grotte hineinkochende Brandung sehen kann.

An weniger spektakulären Stellen hat man Stege über den grobkieseligen Strand gebaut, hier kann man auch baden oder einfach in der Strandbar einen Kaffee trinken und den Joggerinnen nachsehen, wie ich es getan habe. Das Mittagessen gab es dann am Ziel der Wanderung, in Camâra de Lobos, bei mittlerweile grau zugezogenem Himmel war ich froh um den mitgenommenen Pullover. Ich habe hier abwechselnd auf das Cap Girão geblickt – mit über 500m Höhe eine der höchsten Klippen der Welt – , und auf meinen Teller, auf dem – nicht lange – ein leuchtend roter Papageifisch lag.

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Strandpromenade von Funchal nach Câmara de Lobos, Blick auf Cap Girão und auf dem Teller ein Papageifisch.

 


Madeira im Februar – Teil 1

Nun bin ich schon wieder eine Woche zu Hause. Höchste Zeit, das Reisetagebuch zu scannen und mich dem deutschen (Vor)Frühling zuzuwenden. Hier ist nun Teil 1 der Nachlese.