Ruhe und Maß

In der Schweriner Schelfstadt, in der ich wohne, wechseln sich spätbarocke Fachwerkhäuser mit moderneren Gebäuden ab, die nach und nach in die Lücken gebaut wurden und so den Übergang von der Ackerbürgerstadt zur Residenz nachzeichneten. Die Fachwerkhäuser sind ungleich schlichter als ihre Verwandten in Mittel- und Süddeutschland, und ihr einziger Schmuck ist meist die Tür. Ich habe schon eine lange Liste dieser schönen klassizistischen Türen angelegt, die ich irgendwann einmal abbilden will – in die Tat umgesetzt habe ich den Vorsatz nun am ehemaligen Pfarrhaus des Dörfchens Bellin nahe Güstrow.

Beim Zeichnen wurde mir erst wirklich klar, wieviel Ruhe und Maß in diesen letzten vorindustriellen Holzarbeiten steckt. Einfache geometrische Dekore gliedern die Fläche, kein Schnörkel zu viel, kein am Fließband gefertigter Schnickschnack … Statt dessen wohl abgewogene, harmonische Formen und Strukturen. Diese Tür zu zeichnen hat mein Herz geklärt und den Geist beruhigt.

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Tür des „Hauses der Stille“ in Bellin/Mecklenburg

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Bellin

Im stillen Herzen Mecklenburgs, etwas südlich von Güstrow, liegt der kleine Ort Bellin, der im Mittelalter vielleicht bedeutender war als heute – jedenfalls lässt die wuchtige Kirche das ahnen. Heute steht sie etwas außerhalb des Dorfes auf einem Hügel, umgeben von alten Linden und benachbart mit dem ehemaligen Pfarrhaus. In diesem Haus, das heute ein kleines, liebevoll von einem Verein geführtes Einkehrhaus ist, habe ich das vergangene Wochenende verbracht.

Bei makellosem Spätsommerwetter durfte ich einen ganzen Vormittag lang ungestört im Schatten der Bäume sitzen, so dass ich die Zeichnung einschließlich Kolorit fast vollständig dort fertigstellen konnte – ich habe zu Hause nur noch mit zwei Farbschichten die Kontraste vertieft.

Die Kirche von Bellin am Morgen. Kolorierte Federzeichnung in S&B Beta.

Die Kirche von Bellin am Morgen. Kolorierte Federzeichnung in S&B Beta.


Güstrower Apostel

Nach einem ruhigen, im Mecklenburger Nirgendwo verbrachten Wochenende machte ich auf dem Rückweg Halt am Güstrower Dom. Zuerst wollte ich gleich wieder los – zu laut, zu viele Menschen. Doch dann sah ich die Apostelfiguren! Ich überlegte, aus welcher Epoche sie wohl stammen mochten, doch in dem chaotischen Stilmix des Gotteshauses war mir das ganz und gar unmöglich. Von Frühgotik bis Moderne ist dort einschließlich einiger Retrovarianten so ziemlich alles vertreten – wo steckte ich nun diese faszinierenden Figuren hin? Neugotik? Barlach-Nachfolge? Nein – sie stammen aus dem 16.Jahrhundert von dem norddeutschen Bildhauer Claus Berg, und Barlach hat sich vermutlich von ihnen inspirieren lassen.

Es sind zwölf sehr individuelle Persönlichkeiten, meditativ und kämpferisch zugleich, mit wunderbar ausgearbeiten Händen und Gesichtern, wohingegen die Gewändern geradezu expressionistisch-kubistisch daherkommen.

Figur des Simon Zelotes von Claus Berg. Feder und Wasserfarbe über Bleistift.

Figur des Simon Zelotes von Claus Berg. Feder und Wasserfarbe über Bleistift.