Greifswald

Anfang der 80er habe ich in Greifswald studiert, nicht nur mein Fach, sondern intensiv auch das Leben. Mit einigen der Mitlebenden jener Jahre durfte ich mich vergangenes Wochenende dort treffen. Ich habe die Stadt, deren Zerfall und Abriss mich bis heute schmerzt, seit meiner Studienzeit nur sporadisch besucht, um so eindringlicher war der heutige Blick auf die Orte der Vergangenheit.

Zuerst ein Postkartenmotiv: Der Dom vom Rubenow-Platz aus. Muss ich sagen, dass der rosige Himmel ein – hach, schönes Neudeutsch! – Fake ist? In der sogenannten Wirklichkeit war er grau (und blieb es fast den ganzen Tag, belebt nur vom kalten Greifswalder Wind), doch ich hatte das Blatt schon mit etwas Magenta präpariert. Mein Beitrag zum Thema „Urban Sketcher zeigen die Welt, wie sie wirklich ist“.

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Greifswalder Dom von Westen, Super5-Tinte violett und Wasserfarbe in S&B Beta.

Wir sind – mit dem Wind im Rücken, immerhin – am Ryck entlang nach Wieck und Eldena gelaufen, ein klassischer Greifswalder Spaziergang. Die Klosterruine Eldena ist eine der berühmtesten Ruinen der Kunstgeschichte, Ikone und Topos der Romantik, von Caspar David Friedrich immer wieder gemalt, der ins Leere blickende Spitzbogen des Ostchors ein Versatzstück popkultureller Mittelaltersehnsucht.

Die Ruine in ihrer jetzigen Form hat wenig mit Friedrichs Bildern gemein, ein heiteres, parkartiges Areal; auch ist vom ehemaligen Kloster deutlich mehr erhalten, als Friedrichs Bilder ahnen lassen. Auf Motivsuche habe ich mich in Klein- und Kleinst-Skizzen ausgetobt; Friedrichs Ostchor hat, obwohl nicht der interessanteste Ausschnitt, dann doch noch eine besondere Bühne erhalten.

 

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Ikone der Romantik – der Ostchor der Klosterrunie Eldena.

Am Sonntag Vormittag kam dann die Gelegenheit, im Dom zu zeichnen, und mit ihr die Frage, was. In der Mischung der Stile materialisieren sich 700 Jahre Geschichte, vom gotischen Baukörper über frühbarocke Epitaphe, neugotischen Zuckerguss bis zu den deutlichen Spuren des Umbaus der 80er Jahre. Ich entschied mich für letztere,  Kronleuchter mit Kugellampen, die mich an die Bezeichnung „Erichs Lampenladen“ für den „Palast der Republik“ erinnerten. Während der „Palast“ längst einer Schlosskulisse gewichen ist, dürfen die Greifswalder Lampen immer noch von den Um- und Querwegen der Geschichte erzählen, von den komplizierten Verhältnissen zwischen Staat und Kirche in der DDR, die kurz vor der politischen Wende dazu führten, dass Erich Honecker dem Eröffnungsgottesdienst einer Kirche beiwohnte – neben Berthold Beitz vom vormaligen kapitalistischen Erzfeind Krupp.

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Greifswalder Dom. Kronleuchter im Stil der 80er Jahre.

 

Zum Weiterlesen hier noch ein paar Informationen zur jüngeren Geschichte des Greifswalder Doms: „Ein Dom der Ost-West-Moderne“. Ein Artikel zur den baulichen und stilistischen Hintergründen des Umbaus.  „Zwischen Anpassung und Abgrenzung“. Ein Beitrag zur politischen Situation. „Der Greifswalder Weg“ ist ein Buch der Autorin Rahel von Saß (jetzt Rahel Frank), das sich sehr gründlich den Verbindungen von Kirche und Staatssicherheit im Greifswalder Umfeld widmet. Ein langes Interview mit dem evangelischen Greifswalder Studentenpfarrer jener Zeit, Harro Lucht, schlägt den Bogen weiter, von den 50er Jahren bis in die Gegenwart.

 

 

 

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Heilsbronn

Zwanzig Kilometer südwestlich des Nürnberger Stadtrandes, wo der Speckgürtel schon in landwirtschaftlich geprägtes Irgendwo übergegangen ist, liegt das Städtchen Heilsbronn. (Nicht zu verwechseln mit Käthchens Heilbronn 100 km weiter westlich  und an die zwanzig Mal größer.)

Heilsbronn, das kleine, ist dennoch durch feine Fäden mit der Weltgeschichte verbunden. Im Mittelalter stand hier ein bedeutendes Zisterzienser-Kloster, ein regionales politisches Zentrum, dessen Mönche für das Seelenheil der ansässigen Adligen beteten, die dann auch in der Klosterkirche bestattet wurden – und wo so eine Grablege der Hohenzollern entstand, jenes Fürstengeschlechts, das später die preußischen Könige und die drei letzten Deutschen Kaiser hervorbringen würde.

Als ich an einem heißen Juninachmittag die Kirche betrete, verschlägt es mir den Atem, kurz schießen mir die Tränen in die Augen. Nach all den barockisierten gotischen Dorfkirchen, nach den modernen Gemeindezentren der Nürnberger Vorstädte ist der Raumeindruck überwältigend: reine Romanik, Hirsauer Reform, ein paar gotische Anbauten, alles Barocke und Spätere entfernt. (Von den Hohenzollerngräbern abgesehen, die, eingezäunt, ein Areal für sich bilden.) Und, womit ich nicht gerechnet habe, diverse hoch- und spätgotische Plastiken und Altäre, alle klug präsentiert in dem minimalistischen Raum.

Alles anzusehen, zu würdigen, womöglich zu zeichnen, bräuchte ich einen ganzen Tag. So bleibt es beim zeichnerischen Versuch, den Raum zu erfassen, und, am nächsten Morgen schon, einer fragmentarischen Skizze des Portals. Den Grundriss füge ich dann zu Hause an.

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Blick in das Mittelschiff der Heilbronner Klosterkirche. Perspektive und erste Schraffuren vor Ort, weiter ausgeführt und koloriert zu Hause. Die Schrift ist ein Versuch, im Stil einer karolingischen Minuskel zu schreiben.

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Am nächsten Morgen zeichne ich noch, fragmentarisch, das Hauptportal der Kirche.

 


Engelthal

Von Hersbruck kommend, ging ich am Nachmittag noch bis Engelthal. Der kleine Ort lag, seinem Namen alle Ehre machend, wie verzaubert im Abendlicht. Im Hochmittelalter hatte hier einmal ein weithin berühmtes Nonnenkloster gegeben, in dem eine mystische, weiblich geprägte Spiritualität gepflegt wurde.

Seitdem sind 700 Jahre vergangen, das Kloster wurde bereits in der Reformation säkularisiert und bald darauf in einem regionalen Kleinkrieg geplündert; und doch ist erstaunlich viel erhalten: neben der Grundstruktur des Ortes Reste der Klostermauer und einiges, was im Laufe der Jahrhunderte überbaut wurde.

Zu mehr als einem kleinen Rundgang war ich nach der langen Reise leider nicht mehr in der Lage. Am nächsten Tag wollte ich zeitig aufbrechen, so dass ich mich vor dem Frühstück auf eine zügige Skizze eines der Torhäuser beschränkte. Bloß nicht friemeln! (Ich hatte mir in Hersbruck gerade noch einen Lamy mit breiter Spitze besorgt, das half.)

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Eines der charakteristischen Torhäuser vo Engelthal im Nürnberger Land. 


Nachtrag, Rückblick

Jede Reise, so liest es sich bisweilen, begänne mit dem ersten Schritt. Das ist wahr, in gewisser Weise, denn ohne diesen Schritt bliebe sie eine Reise im Konjunktiv. Wenn der Schritt dann aber gegangen wurde, so stellen wir fest, dass sie lange vorher begann, mit den ersten Träumen davon, der Verdinglichung der Pläne in Notizen, Mindmaps, Land- und Fahrkarten, in Stapeln von Dingen auf dem Zimmertisch, im endlich gepackten Rucksack. Für zeichnende Menschen kommt noch die Auswahl der Werkzeuge dazu, der Besuch beim Künstlerbedarf …

Und ebenso endet die Reise nicht mit dem Schlüssel in der heimatlichen Wohnungstür. Ein paar Tage liegt alles kreuz und quer, die Waschmaschine rödelt, langsam schrumpfen die Stapel. Wie jedes Mal überlege ich, was mit den unfertigen Skizzen im Reisetagebuch geschehen soll. (Kann eine Skizze unfertig sein? Eine der vielen Fragen nach dem Selbstverständnis der Art von Zeichnerei, wie ich sie treibe. Und dabei eine, die weit ins Philosophische führt.) Für dieses Jahr habe ich beschlossen, sie, so lange der innere Zugang noch da ist, zu einer Art Abschluss zu führen, Schrift zu ergänzen, Farbe, Schatten, alles was mir nötig scheint, um zu der vollständigen Unvollständigkeit zu kommen, die in Reisebüchern mein Ideal ist. Und dabei die Reise noch ein bisschen zu verlängern …

Ich fange an mit zwei Bildern vom ersten Tag, die bei ähnlichen Motiven sehr unterschiedlich geworden sind. Noch bin ich nah genug dran, um zu ahnen, was ich vor meinem inneren Auge sah, als ich ein paar Bleistiftstriche zog, vielleicht ein paar Tintenakzente setzte. Im ersten, bunten Fall die Pilgerherberge des Klosters Kirchschletten – dass der Pilgerstempel nicht wasserfest ist, hatte mir auch keiner gesagt – weich im herbstlichen Morgenlicht, Rosen an der Pforte … Im zweiten ein anfangs minimalistischer Versuch, ein paar Charakteristika der Gegend eher grafisch aufs Blatt zu bringen: Fachwerk, Nussbaum, frommer Spruch. (Letzterer im Original aus gesägten Holzbuchstaben, ein Fach füllend.)


Maria Frieden

Folgt man dem Pilgerweg von Lichtenfels nach Bamberg, bietet sich die Abtei Maria Frieden als Herberge an. Das Benediktinerinnen-Kloster liegt abseits größerer Straßen in dem kleinen Ort Kirchschletten. Es wurde erst in den 50er Jahren gegründet und wird von philippinischen, japanischen und deutschen Nonnen bewohnt und bewirtschaftet. Wie so viele Klöster hat auch dieses ein Nachwuchsproblem und viele der Ordensfrauen sind mittlerweile hochbetagt.

Als ich auf meinem Weg Ende Oktober dort ankam, hatte sich das Wetter gerade wieder eingetrübt, es regnete stetig und ich stapfte tropfend durch den Wald auf der letzten Hügelkette, die mich noch von Kirchschletten trennte. Um so schöner erschien mir das Dorf, wie es da vor mir am Hang lag, mit einer Ausstrahlung von Ruhe und Frieden, der dem Namen des Klosters alle Ehre machte.

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Kirchschletten in Oberfranken. Die Schrift ist einer geschmiedeten Kalligraphie am Klostertor nachempfunden.

 


Rehna

Rehna ist eine Kleinstadt zwischen Schwerin und Lübeck, und es ist auch ein Kleinod. Das liegt vor allem an der trotz Reformation und Säkularisierung gut erhaltenen Klosteranlage. Ein rühriger Klosterverein hält alles auch bei vermutlich überschaubaren Besucherzahlen liebevoll in Ordnung, es gibt einen blühenden Klostergarten, einen stillen lindenbestandenen Kirchplatz, ein nettes Café und auch außerhalb des Klosters viel Fachwerk und Backstein.

Das Gelände ist sumpfig, und überall in der Stadt tritt Grundwasser aus artesischen Brunnen an die Oberfläche. Und dann ist da noch die ehemalige Wassermühle. Nicht, dass sie architektonisch auffiele, doch sie steht in einer unerwarteten genealogischen Verbindung mit der Weltgeschichte. Von 1712 bis 1717 kam der Rehnaer Christopher Friedrich Großschopf als Mühlenpächter zu so viel Wohlstand, dass er in Lübeck das Bürgerrecht erwerben konnte. Er wurde Kaufmann und gelangte über Talinn nach St.Petersburg, wo er 1799 hochbetagt starb. Zu seinen Nachfahren gehörte hundert Jahre später ein gewisser Wladimir Iljitsch Uljanow, der unter dem Namen Lenin zweifelhaften Weltrum erwarb.

Klosterkirche Rehna von Nordosten. Super5-Tinte und Wasserfarbe in S&B Beta.

Klosterkirche Rehna von Nordosten. Super5-Tinte und Wasserfarbe in S&B Beta.


Der Holzkirchner Reiter

In der langen und von zahlreichen Zerstörungen und Wiederherstellungen geprägten Geschichte des Klosters Holzkirchen sind nur wenige mittelalterliche Bauteile erhalten geblieben. Eines davon ist ein Sandsteinrelief mit zwei ungewöhnlichem Darstellungen: einem Reiter auf einer Eselin und einem bärtigen Mann, der ein Einhorn trägt. Der Reiter ist durch eine Umschrift als Christus gekennzeichnet: „Du, auf dem Reittier einziehender Christus wolltest mit deiner erhobenen Rechten den Segen über unsere Häuser geben.“ Der bärtige Mann – den ich hier nicht gezeichnet habe – stellt vermutlich Gottvater dar. Die Bilder lassen mich in ihrer ungewöhnlichen, frischen und naiven Ikonographie an einen Comic denken.

Der "Holzkirchner Reiter", ein ca. 40 cm breites romanisches Sandsteinrelief. PITT- Marker und Wasserfarbe.

Der „Holzkirchner Reiter“, ein ca. 40 cm breites romanisches Sandsteinrelief. PITT- Marker und Wasserfarbe.

Eine weitere ungewöhnliche Christusdarstellung findet sich an der Rückseite der Kirche auf dem Gelände des Benediktushofs: der „Lehrende Christus“ von Gisela Drescher. Die lebensgroße Plastik strahlt starke Präsenz und große Schönheit aus, zumal sie bewusst so gestaltet ist, dass man ihr gegenüber Platz nehmen kann.

"Lehrender Christus", Skulptur von Gisela Drescher.

„Lehrender Christus“, Skulptur von Gisela Drescher.