Madeira im Februar – Teil 2 und Schluss

Hier noch einige letzte Nachträge aus meinem Madeira-Tagebuch.

Zuerst eine Skizze von der Aussichtskanzel des Cap Girao. Einige Tage, bevor ich es aus der Ferne gezeichnet hatte, war ich entlang einer Levada hingewandert – eine schöne Tour, die allerdings leider ohne bildliche Ausbeute blieb. Erst am Ziel genoss ich das Vergnügen, menschliches Verhalten auf einer Glasplatte in 500m Höhe zu studieren. Die Selfie-KnipserInnen waren für meinen Stift allerdings zu schnell.

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Weniger spektakulär, dafür fast kontemplativ ist die Aussicht aus dem ersten Stock des Tea House „Alfazema e Cholcolate“.

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Etwas höher gelegen, schon am Rande der Altstadt, in einem Viertel von eher morbidem Charme, gibt es noch ein drittes Tea House, dessen Besuch sich lohnt. Es befindet sich im „Museum der Erinnerungen“ und hat einen schönen Garten mit einem Springbrunnen in der Mitte.

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Immer wieder beeindruckt hat mich, wie sehr eine einfache, bodenständige Glaubenspraxis im Alltag verankert ist. Auch an Wochentagen sind die Kirchen abends zum Rosenkranzgebet voller Menschen. Eher zufällig hineingeraten, bleib ich hier in der Igreja do Carmo einfach sitzen und habe diskret weiter gezeichnet – die  Farben dann allerdings zu Hause eingefügt. Die Kirche ist wirklich so bonbonbunt, was durch eine für unsere Augen unvorteilhafte Neonbeleuchtung noch verstärkt wird.

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Am letzten Tag habe ich dann natürlich noch Obst für zu Hause eingekauft. In einem kleinen, schon von Verfall geprägten Haus zwischen Stadtautobahn und Neubauten hatte ein alter Mann eine Art Laden in einem winzigen fensterlosen Raum. Hier gab es das beste Angebot auch an Obst, das man nur selten zu kaufen bekommt, weil es sich schlecht lagern lässt, wie den saftig frischen Wollmispelfrüchten.

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Und ganz zum Schluss – natürlich – habe ich mir noch ein eher seltsames Stück Cremetorte geleistet, dass zwar sehr schön aussah, aber doch recht amerikanisch-künstlich schmeckte.

Confeitaria

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Dominikus

Am letzten Tag meines Madeira-Urlaubs habe ich eine ruhige Mittagsstunde im Museu de Arte Sacra, im Museum für sakrale Kunst, verbracht. Besonders sprach mich dort eine kleine Statue des heiligen Dominikus an, der mit seinem Buch unter dem Arm und dem Stern über dem Kopf freundlich, milde und klug vom seinem Sockel schaute – wenn ihn auch die schmalen Wangen als Asketen auswiesen.

Der heilige Dominikus war eine historische Gestalt, ein charismatischer Mann aus wohlhabender spanischer Familie, der als Priester wohl genau das verkörperte, was die Schnitzfigur trotz des Blattgolds ausstrahlt: Authentizität, Wissen und die Gabe, es zu vermitteln. Damit hob er sich wohltuend von vielen Priesterkollegen ab, deren Bibelkenntnis gering und deren Amtsverständnis – vorsichtig ausgedrückt – eher weltlich war.

Dominikus predigte zuerst in Südfrankreich, in Okzitanien, wo seinerzeit die christliche Glaubensbewegung der Katharer (aus dem Wort wurde später der deutsche Begriff „Ketzer“) einen großen Einfluss hatte. Mir Heutigen erscheint die Lehre der Katharer recht düster: die materielle Welt wäre nach ihr vom Teufel geschaffen und allein die Seele, die es aus dem Kerker des Körpers zu erlösen galt, göttlich. Doch hatten sie viel Rückhalt in der Bevölkerung und bei den örtlichen Fürsten, und ihre grausame Bekämpfung durch die Zentralgewalt hat sie immer wieder zu einer Projektionsfläche für ein besseres Christentum werden lassen.

Dominikus begründete den Dominikanerorden, der eigentlich Predigerorden heißt. Dominikaner sollten später als „domini canes“ (Hunde des Herrn) eine eher unrühmliche Rolle in der sogenannten heiligen Inquisition spielen; ihre große Bedeutung für die europäische Geistesgeschichte kann darüber leicht in Vergessenheit geraten. Der Aufschwung der Wissenschaften im Spätmittelalter ist ohne die Dominikaner nicht denkbar, und auch der große Meister Eckhardt, dessen „Predigerkiche“ ich auf einer meiner Pilgerwanderungen gezeichnet habe, mit seiner weit über jede klerikale Kleingeisterei hinausreichenden intellektuellen Mystik war ein Dominikaner.

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Statue des heiligen Domenikus im Museum für sakrale Kunst, Funchal/Madeira.


Ein Tag am Meer

Es mutet schon seltsam an, wenn man auf Madeira davon spricht, man sei am Meer gewesen. Und doch: auch wenn man es in dem steilen Gelände von fast überall sieht, ist es doch ferner als anderswo, meist irgendwo tief unten oder ein Stück weg; Felsen statt Sand.

Westlich der Inselhauptstadt Funchal ist daher eigens ein Weg angelegt worden, auf dem man über immerhin sechs Kilometer das Gefühl auskosten kann, am Meer spazieren zu gehen. Selbstverständlich mussten dafür alle Register madeirischer Straßenbaukunst gezogen werden, sogar einen gar nicht so kurzen Fußgängertunnel gibt es, von dem aus man durch ein Felsenfenster die beeindruckend in eine Grotte hineinkochende Brandung sehen kann.

An weniger spektakulären Stellen hat man Stege über den grobkieseligen Strand gebaut, hier kann man auch baden oder einfach in der Strandbar einen Kaffee trinken und den Joggerinnen nachsehen, wie ich es getan habe. Das Mittagessen gab es dann am Ziel der Wanderung, in Camâra de Lobos, bei mittlerweile grau zugezogenem Himmel war ich froh um den mitgenommenen Pullover. Ich habe hier abwechselnd auf das Cap Girão geblickt – mit über 500m Höhe eine der höchsten Klippen der Welt – , und auf meinen Teller, auf dem – nicht lange – ein leuchtend roter Papageifisch lag.

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Strandpromenade von Funchal nach Câmara de Lobos, Blick auf Cap Girão und auf dem Teller ein Papageifisch.

 


Madeira im Februar – Teil 1

Nun bin ich schon wieder eine Woche zu Hause. Höchste Zeit, das Reisetagebuch zu scannen und mich dem deutschen (Vor)Frühling zuzuwenden. Hier ist nun Teil 1 der Nachlese.


Blandy’s Garden

Die madeirische Inselhauptstadt Funchal hat drei große (und unzählige kleinere) Parks. Während der offizielle Botanische Garten und der Tropische Garten von Monte auf fast allen Besichtigungsplänen stehen, geht es in Blandy’s Garden (portugiesisch Jardim Palheiro) deutlich ruhiger zu. In 500m Höhe auf einem für madeirische Verhältnisse nur wenig geneigten Plateau gelegen, bietet er auf den ersten Blick das Bild eines englischen Landschaftsgartens mit Rasenflächen, Baumgruppen und abgegrenzten formalen Beeten.

Erst beim zweiten Hinsehen stellte sich bei mir, gerade wegen der vordergründig europäischen Form, ein ähnlich surrealer Effekt ein wie im Garten von Monte. Seit über 200 Jahren haben die Besitzer des Gartens – zuerst die portugiesische Adelsfamilie Carvalhal und dann die reichen britischen Blandys – gesammelt, was ihnen an Pflanzen unter die Finger kam. Die zum Teil riesigen alten Bäume stammen aus allen Teilen der Erde, und das Klima auf der Höhe erlaubt es, praktisch fast alles an- und durcheinanderzupflanzen, was irgendwo auf dieser Welt wächst. (Von kalkliebenden und Wüstenpflanzen vielleicht mal abgesehen.)

So stehen dort Palmen neben Lorbeer, Eichen und südamerikanischen Araukarien, und wo bei uns Veilchen oder Krokusse wüchsen, breiten sich als Unterwuchs Montbretien und Calla aus. Das alles ließ sich zeichnerisch natürlich nicht erfassen, jedenfalls nicht an einem Nachmittag. Ebenso konnte ich die hunderte an blühenden Kamelien nur betrachten und bestaunen, nicht aber abbilden.

Gezeichnet habe ich am Ende einen Blick auf das immer noch von den Blandys bewohnte Herrenhaus mit seinen englischen Kaminen vor einer grauen Wand aus kahlem Laubwald (es war auch ein ganz europäisch grauer und kühler Nachmittag), halb versteckt hinter blühenden Beeten, Palmen, Zypressen und Aloen.

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Villa Blandy im gleichnamigen Park oberhalb von Funchal/Madeira. Lexington Grey Ink in S&B Zeta.


Chinoiserie II

Vor einiger Zeit habe ich ein chinesisches Teehaus mitten in Hamburg gezeichnet und dabei auch ein bisschen über die europäischen China-Moden nachgedacht. Für Mitteleuropäer eher unerwartet trifft man auch auf Madeira immer mal wieder auf Chinesisches, war doch die jesuitische Ostasien-Mission der portugiesischen Krone unterstellt. (Scorseses Film „Silence“, der gerade in unsere Kinos kommt, erzählt davon.)

Vielleicht deshalb, vielleicht auch aus ganz anderen Gründen finden sich im „Monte Palace Tropical Garden“ oberhalb von Funchal mehrere in ostasiatischem Stil gestaltete Gartenabschnitte. Der Garten, ganz in der Nähe der Wallfahrtskirche gelegen, ist in einer schattigen Schlucht gelegen, die nicht nur mit Chinoiserien, sondern mit einer geradezu psychedelisch anmutenden Mischung an Pflanzen und Sammelstücken angefüllt ist, verbunden mit Wasserfällen, Brückchen, Tempelchen, Teichen …

Neben den zahlreichen ostasiatischen Objekten gibt es eine riesige Sammlung portugiesischer Azulejos (kunstvoll gestalteter Kacheln), ein Sammelsurium an Plastiken vom alten Rom bis zur Gegenwart, sandsteinerne Reste (meist Fensterrahmen) von madeirischen Häusern – mehr haben die zahlreichen Naturkatastrophen aus den ersten Jahrhunderten der Inselbesiedlung nicht übrig gelassen – , moderne afrikanische Kunst und eine Mineraliensammlung. Wenn man ausnahmsweise mal kein Artefakt im Blickfeld hat, meint man, gleich käme Captain Jack Sparrow hinter dem nächsten Farnwedel hervor, denn auch die Bepflanzung ist ausgesprochen eklektisch und erinnerte mich Schatzinselfilme.

Bei meinem ersten Besuch vor drei Jahren habe ich mich zuerst einmal von dieser Pflanzenwelt überwältigen lassen. Dieses Mal bin ich ganz gezielt hingefahren, um mir zumindest einen Teil der ausgestellten Dinge näher zu betrachten und zu zeichnen.

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Chinesische Steinlaterne im „Tropical Monte Palace Garden“ oberhalb von Funchal/Madeira


Bei der Mutter der Insel

Hoch oben über der Stadt Funchal steht im Vorort Monte eine Wallfahrtskirche. Hier ist es deutlich kühler als unten und feucht vom Nebel. „Die Kälte, die Feuchtigkeit, die Nebel schaffen ein durch und durch von Pflanzen beherrschtes Reich, in dem die Menschen fast fürchten, auf ihren Händen könnten Flechten wachsen und auf ihrem Haar Moos“ schreibt Helena Marques in ihrem Madeira-Roman „Raquels Töchter“. (Das Buch ist eine aus anrührenden kleinen Geschichten zusammen gesetzte Familiensaga aus der Welt des gehobenen Funchaler Bürgertums um 1900; manchmal dicht am Kitsch, gibt es doch viele interessante Hintergrundinformationen zu dem, was man heute in Funchal sieht.)

Um die Kirche herum ist Trubel, hier kommen die Touristen von der Seilbahn und drängen sich die Korbschlittenfahrer um Kundschaft. Gut hundert Meter weiter gibt es einen kleinen Platz mit Anklängen an früheren Kurbetrieb, Bänken, Platanen, ein, zwei Cafés. Aus einer Felswand, gefasst in ein hübsches Brunnenhäuschen und überhangen von riesigen Farnwedeln, sprudelt eine Quelle. Hier ist der eigentliche Ort der „Nossa Senhora de Monte“.

Es war an dem Nachmittag, an dem ich dort saß – die Sonne war aus dem Nebel hervorgekommen, stand aber schon schräg – ein ungemein friedlicher, stiller Ort. Einzelne Menschen betraten das blumengeschmückte Brunnenhäuschen mit dem Madonnenbild, tranken einen Schluck, einige füllten wohl auch mitgebrachte Flaschen und zündeten eine Kerze an. Der Kellner des Cafés, ein alter Herr, kam ab und zu und richtete die umgefallenen Kerzen wieder auf …

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Das Brunnenhäuschen der heiligen Quelle in Monte/Madeira.