Nachtrag mit drei Tinten

Natürlich habe ich aus Eutin auch Halbfertiges mitgebracht. (Dass es überhaupt halbfertige Skizzen geben kann … ) Da ich vor der Abreise endlich meine Füller wieder auf Vordermann gebracht hatte und es dann am Freitag Abend auch noch eine Bescherung gab, war die Auswahl groß. Interessanter Weise ergab es sich, dass alle drei „Nachgeborenen“ mit unterschiedlichen Tinten gezeichnet sind.

Die samstägliche Mittagspause verbrachte ich in der Michaeliskirche, wo mir der Madonnenleuchter mit seiner ungewöhnlichen Ikonographie auffiel: eine hochmittelalterliche Madonna in einen Leuchter gefasst, an dessen Unterseite sich (hier im Schatten) eine Lutherrose befindet – als hätte jemand die Madonna neutralisieren wollen. Und wirklich: die Leuchterfassung wurde erst im 18.Jahrhundert angefertigt. Konfessionelle Toleranz zeigt sie für mich dennoch, genauso wie Kunstverstand: Galt doch die Madonnenverehrung in der evangelischen Kirche vielfach als eine Art Götzendienst und mittelalterliches in der Zeit der Aufklärung als verstaubter Plunder. (Das Mittelalterrevival kam ein paar zehn Jahre später mit den Romantikern.)

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Madonnenleuchter in der Eutiner Kirche, gezeichnet mit meinem neuen Super5-Füller und der zugehörigen Tinte „Australia“

Als ich am Samstagabend ziemlich müde vom Park in die Stadt ging und mich zum Schloss umwendete, konnte ich nicht anders, als doch noch eine schnelle Skizze von den im Abendlicht glühenden Mauern zu machen. Ich setzte nur schnell etwas Farbe aufs Blatt, und genau so zügig habe ich die dann zu Hause mit ein paar Tintenstrichen und einer zweiten Lasur ergänzt. Die braune Tinte steckt in einem Füller mit mittlerer Federbreite, was mir wichtig war, um nicht ins Kleinliche abzurutschen.

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Das Eutiner Schloss glüht im Abendlicht. Die Linien habe ich später hinzugefügt – mit brauner Dokumententinte von deAtramentis in einem Lamy Safari M.

Das dritte Bild habe ich am Sonntag Nachmittag angefangen. Nach den schwebend-flüchtigen Barockskizzen und den vielen Gesprächen im Schlosshof hatte ich Lust auf ein bisschen schweigende Architektur. An eben der Stelle, an der am Vortag der Workshop mit Nicola gewesen war, zog mich eine schöne klassizistische Fassade mit Streiflicht in ihren Bann. Schön ordentlich, wie ich es bei Nicola gelernt hatte, machte ich erst ein paar Kompositionsskizzen, dank derer ich mich entschloss, dem Haus bei aller Strenge ein paar Schrägen und ein ordentliches Stück Himmel zu gönnen. Die Farbe kam dann zu Hause.

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Lübecker Straße 5. Vor Ort gezeichnet mit Lexington Grey Ink in einem Pilot Prera aus Japan – mein Lieblingskombination für Feines und Genaues.

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Bei der Mutter der Insel

Hoch oben über der Stadt Funchal steht im Vorort Monte eine Wallfahrtskirche. Hier ist es deutlich kühler als unten und feucht vom Nebel. „Die Kälte, die Feuchtigkeit, die Nebel schaffen ein durch und durch von Pflanzen beherrschtes Reich, in dem die Menschen fast fürchten, auf ihren Händen könnten Flechten wachsen und auf ihrem Haar Moos“ schreibt Helena Marques in ihrem Madeira-Roman „Raquels Töchter“. (Das Buch ist eine aus anrührenden kleinen Geschichten zusammen gesetzte Familiensaga aus der Welt des gehobenen Funchaler Bürgertums um 1900; manchmal dicht am Kitsch, gibt es doch viele interessante Hintergrundinformationen zu dem, was man heute in Funchal sieht.)

Um die Kirche herum ist Trubel, hier kommen die Touristen von der Seilbahn und drängen sich die Korbschlittenfahrer um Kundschaft. Gut hundert Meter weiter gibt es einen kleinen Platz mit Anklängen an früheren Kurbetrieb, Bänken, Platanen, ein, zwei Cafés. Aus einer Felswand, gefasst in ein hübsches Brunnenhäuschen und überhangen von riesigen Farnwedeln, sprudelt eine Quelle. Hier ist der eigentliche Ort der „Nossa Senhora de Monte“.

Es war an dem Nachmittag, an dem ich dort saß – die Sonne war aus dem Nebel hervorgekommen, stand aber schon schräg – ein ungemein friedlicher, stiller Ort. Einzelne Menschen betraten das blumengeschmückte Brunnenhäuschen mit dem Madonnenbild, tranken einen Schluck, einige füllten wohl auch mitgebrachte Flaschen und zündeten eine Kerze an. Der Kellner des Cafés, ein alter Herr, kam ab und zu und richtete die umgefallenen Kerzen wieder auf …

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Das Brunnenhäuschen der heiligen Quelle in Monte/Madeira.


Goldengel und graue Schlange

Königsfeld auf dem Fränkischen Jura hat nicht nur ein Gasthaus mit Stammtisch zu bieten, es hat auch Geschichte. Der Name Königsfeld erinnert an eine karolingische Pfalz, die Kirche ist noch heute mit Mauern und Toren als Wehrkirche befestigt, und alles atmet den Geist eines sehr alten Siedlungsplatzes.

Im Innern geht es hübsch barock zu, besonders die Kanzelengel hatten es mir angetan. Leider habe ich den pfiffig-verschmitzten Ausdruck nur bedingt einfangen können.

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Barocker Engel an der Kanzel der Königsfelder Kirche.

In einer Nebenkapelle stieß ich dann auf ein Glasfenster mit einer Mondsichelmadonna, der Machart nach vermutlich um 1900 entstanden. Ich stand auf Augenhöhe mit dem zarten Madonnenfuß, der die Schlange der Sünde zertritt, und war sowohl von der feinen Grisaille-Arbeit als auch von der naturalistischen Darstellung des Schlangenkopfes beeindruckt.

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Detail einer Glasmalerei in der Marienkapelle in Königsfeld. Besonders hat mir die an eine Schwarzweißfotografie erinnernde Darstellung von Schlange und Apfel gefallen. PITT-Pens und etwas Wasserfarbe in S&B Zeta.

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