Wand-Lettering

Das Städtchen Gräfenberg in Oberfranken hat – mit allen eingemeindeten Dörfern – viertausend Einwohner, drei Brauereien und einen Bahnanschluss Richtung Nürnberg. Über den kommen am Wochenende die Bierwanderer und absolvieren den 5-Seidla-Steig. Auf meiner Herbsttour konnte ich sie in ihren primärfarbenbunten Wetterjacken schon von weither sehen.

Im Gasthof einer der Brauereien habe ich übernachtet, und an der zweiten kam ich vorbei. Besonders hatte es mir der schöne 60er-Jahre-Schriftzug über der Rampe angetan. Heute nennt man so etwas „Hand-Lettering“: geschwungene Buchstaben mit der Anmutung von Handschrift. Dieser hier brauchte keine gemalten 3-D-Effekte, der Schattenwurf ist echt und der Oktobermorgensonne gedankt.

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Rampe der Brauerei Friedmann in Gräfenberg, vor Ort mit Bleistift skizziert und zu Hause koloriert.

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Von Müllern und Katern

Am Ende des schönen Trubachtals liegt das Örtchen Egloffstein, zwei Handvoll Häuser, von der unvermeidlichen Burg überkrönt. Übernachtet habe ich unten neben der Trubach, in einer ehemaligen Wassermühle. Vor dem Aufbruch am nächsten Morgen bemerkte ich gerade noch rechtzeitig die Tür mit dem Wappen der Mühle: Zwei Kater, eine Zahnwelle haltend. Ein sinniges Motiv, dürften doch Mäuseplagen den Müllern aller Zeiten zugesetzt haben.

Dass Künstler früherer Jahrhunderte Löwen oft etwas eigentümlich abbildeten, ist der Tatsache geschuldet, dass sie nie einen im Original sahen – warum aber der unbekannte Künstler, dem Felis silvestris sicher eine vertraute Art war, sie derart seltsam darstellte, dieses Geheimnis hat er mit ins Grab genommen. In die Länge gezogen und mit löwenartig bequasteten Schwänzen (auf meiner Zeichnung nicht besonders gut zu erkennen) sind sie ein so merkwürdiger Anblick, dass ich einen Moment überlegen musste, welche Tiere überhaupt gemeint sind. An ihrem Geschlecht hingegen gibt es keinen Zweifel: beide ziert eine prächtige Erektion.

Vor Ort gezeichnet habe ich das Motiv mit Bleistift; als ich die Schatten zu Hause ebenfalls mit Graphit vertieft hatte, kam ich auf die Idee, mit Albrecht-Dürer-Aquarellstiften weiterzuarbeiten. Der etwas opake, kreidige Charakter der Stifte schien mir besser zu dem Motiv zu passen als Aquarellfarbe. Wieder einmal ist mir dabei aufgefallen, wie anders diese Stiftfarben sich verhalten als übliche Wasserfarbe.

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Alte Eingangstür mit Wappen der Egloffsteiner Mühle. Graphit und Aquarellstifte.


Durchs schöne Trubachtal

Einer der schönsten Wegabschnitte meiner Wanderung in der Fränkischen Schweiz war der durch das Tal der Trubach, von Obertrubach nach Egloffstein. Lief der Weg die ersten zwei Kilometer wegen der Enge des Tals noch etwas nah an der Straße, weitete sich die Landschaft dann in eine hüglige Idylle und verzweigte sich in Nebentäler. In der Kleinteiligkeit erkennt man die Formen der alten Kulturlandschaft: Terrassierungen, alte Bewässerungsgräben, Hecken …

An einem Rastplatz habe ich eine kleine Studie von zwei Pflanzen begonnen, die das Bild ganz besonders prägen: Der Pfaffenstrauch mit seiner unglaublichen Farbkombination aus magentafarbenen Blüten und orangenen Beeren und der Walnussbaum, der auf keinem Bauerngehöft fehlen darf und oft auch in Verbindung mit den Hecken zu finden ist, sie meist weit überragend.

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Pflanzenstudie Pfaffenhütchen und Walnussblatt. Vor Ort aquarelliert und zu Hause mit Tinte vervollständigt.


Kunigundes Kemenate

Ich hatte den Eintritt bezahlt und durfte nun die Gößweinsteiner Burg betreten und besichtigen. Es hat sich gelohnt! Der erste verblüffende Eindruck war der von der Kleinheit der Anlage. Was von fern riesig auf hohem Berg erscheint, rückt nach gar nicht so viel Höhenmetern nahe und schrumpft auf die Größe von zwei Einfamilienhäusern plus einräumiger Kapelle. In diesem Ambiente sind ein paar Räume geöffnet, die im Mittelalterrevival des 19.Jahrhunderts letztmalig renoviert und noch nie museumspädagogisch verbessert wurden. Darin stehen ein paar schöne alte Eichenmöbel, manche mittelalterlich, manche nur so tuend. Eine Aufsicht gibt es auch nicht, die Möbel bleiben dank ihres Gewichts ohnehin am Platz, was immer man versucht.

Ich hatte es mir in der „Kemenate“ gemütlich gemacht, in der das Bett und ein zugehöriger Schrank wohl wirklich ein paar hundert Jahre alt sind. Wenn ich mich auf die Strohmatratze gelegt und ein Mittagsschläfchen gemacht hätte, wäre es vermutlich auch nicht aufgefallen; ich habe mich aufs Zeichnen beschränkt, und das auch nur mit Bleistift. Zu Hause habe ich das Ganze dann mit PITT-Pens und etwas Bleistift ausgeführt.

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Bett in dem als „Kemenate“ bezeichneten Raum der Gößweinsteiner Burg. PITT-Pens und etwas Bleistift.

 

 


Kein Kaffee, kein Kuchen

Gegenüber der Gößweinsteiner Basilika prangt auf einem Hügel die dortzulande unvermeidliche Burg. Mit Türmchen und Zinne sieht sie aus wie vom Tourismusbüro aufgestellt, jeden Moment erwartet man Ritter Kunibert an der Brüstung zu sehen – wenn man sich den Antennensalat wegdenkt, der irgendwas mit Fernsehen zu tun hat.

Macht man sich die Mühe hinaufzusteigen, erwartet einen allerdings eine Überraschung in Form einer schwarzen Tafel, auf der mit Kreide die denkwürdigen Worte stehen:

EINTRITT 2,50, AUCH AUSSICHT!

KEIN KAFFEE, KEIN KUCHEN!

Auf dieses Meisterstück touristischer Vermarktung angesprochen, erhielt ich von meiner Pensionswirtin einen ausführlichen Vortrag über die Hintergründe der Schildbürgerei – selbstverständlich einschließlich der erotischen Verwicklungen. Und diverser Verwünschungen in Richtung des Schildaufstellers … (Ich greife meinem nächsten Beitrag schon mal vor: ich habe den Obolus entrichtet. Und es gab auch etwas zu zeichnen.)

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Burg Gößweinstein vor Wolken. Gezeichnet vor Ort, koloriert zu Hause.


Basilika mit Lukas

In der Mitte meiner Tour durch die Fränkische Schweiz habe ich einen Tag in Gößweinstein Station gemacht. Neben Fachwerk und Burg hat der Marktflecken auch eine Wallfahrtskirche zu bieten, die sich sogar mit dem päpstlichen Dienstgrad „basilica minor“ schmücken darf. Der Ort hat eine lange Wallfahrtstradition. Die heutige Kirche ist in jenem typischen süddeutschen Barockstil erbaut, der mir mit meiner norddeutsch-protestantischen Sozialisation in seiner verspielten Leichtigkeit manchmal etwas unverständlich ist. Im vergangenen Jahr bekam ich in der recht ähnlichen Kirche in Vierzehnheiligen dazu jedenfalls nur wenig Zugang.

In Gößweinstein kam ich damit besser zurecht und hatte meine Freude an den wirklich sehr kunstvoll gestalteten Plastiken in ihrer Lebendigkeit. Der auf dem Kanzelrand die Beine baumelnde Evangelist Lukas hatte es mir besonders angetan; abends in der Messe erfuhr ich dann, dass ich ihn auch noch an seinem Namenstag gezeichnet hatte!

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Evangelist Lukas auf der Kanzel der Wallfahrtskirche in Gößweinstein. Die Aquarellskizze habe ich komplett vor Ort gezeichnet, die Bleistiftstudie, die zwei Tage später entstanden ist, zu Hause noch vertieft, ebenso den Engel.


Schloss Greifenstein

Am dritten Tag meiner Wanderung bin ich von Königsfeld ziemlich gerade Richtung Süden gegangen, über den Fränkischen Jura, diese karge und trockene, daher dünn besiedelte Hochfläche. Waldstücke wechseln mit Wiesen und kleinen, steinigen Äckern, erst nach etlichen Kilometern wieder ein Dorf. Dann ist schon der Albrand nicht weit, und bevor es hinunter geht ins Tal, steht ein prächtiges, von unten weithin sichtbares Schloss. Oder doch eher eine Burg? Wenn man sich von oben nähert, kann man das vermuten, man sieht eine Zugbrücke, bewacht von zwei steinernen wappentragenden Löwen und dahinter ein abweisend verschlossenes Tor.

Weit und breit kein Mensch. Da ich schon recht müde war, als ich dort ankam, beschloss ich das Schild „Führung Samstag 15:00“ zu ignorieren und nur einen der beiden Wappenlöwen zu zeichnen. Kaum hatte ich mich mit meinem Zeichenbuch an den Rand der Zugbrücke gestellt, kamen die ersten Besucher, schauten mich scheu an, ob sie wohl meinen Zeichenweg kreuzen dürften und huschten über die Brücke zum Tor. So ging es weiter und weiter, alle mussten an mir vorbei, bis schließlich eine große Menschentraube vor dem Tor stand und ich mir mittlerweile vorkam wie die dritte Torlöwin.

Vermutlich bot das wackere fränkische Netz mal wieder eins von seinen zahlreichen Funklöchern, sonst hätte ich vielleicht mal nachgeschaut und wäre doch zur Führung mitgegangen. Schloss Greifenstein hat nämlich eine interessante Geschichte, wurde in Renaissance und Barock von einer Ritterburg zu einem imposanten Schloss umgebaut und wo jetzt verwilderter Mischwald die Hügelkuppe bedeckt, lag einst ein akribisch gepflegter Landschaftspark. Das Schloss ist seit Jahrhunderten und bis heute im Besitz einer Familie des Fränkischen Uradels, der Schenks von Stauffenberg, eben jener Stauffenbergs, die beim Attentat auf Hitler so eine große Rolle gespielt hatten.

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Torlöwe mit Wappenschild am Schloss Greifenstein oberhalb von Heiligenstadt/Oberfranken.