Fuchsgarten

Für zwei Tage bin ich vom Pilgerweg abgewichen, um mir Ansbach anzusehen. Ich hatte bei der Rückreise von der letzten Etappe die Stadt liegen sehen im Tal, mit ihren pittoresken gotischen Türmen wie aus einem Disneyfilm. Der Eindruck, aus der Nähe, täuscht: Ansbach ist eine Residenz gewesen (erinnert mich, von Größe und Anmutung, an Coburg, das ich zwei Jahre zuvor durchwandert hatte), eine von den vielen, die es in Deutschland gab, mit viel Barock und Park, mit geraden Straßen und viel zu großen Plätzen. Auch die von außen so spitzgotisch aussehenden Kirchen sind innerlich ganz und gar barockisiert.

In den Park, der hier Hofgarten heißt, ging ich am Abend, als die allgegenwärtige Hitze endlich etwas nachließ, und fand dort ein unerwartetes Kleinod: den „Fuchsgarten“, einen erst vor einigen Jahren sehr sorgfältig angelegten Kräutergarten zu Ehren des großen Botanikers Leonhart Fuchs.

Fuchs war, was man einen Renaissancemenschen nennt, ein Wissenschaftler, ein Forscher, ein streitbarer Verfechter von Reformation und hippokratischer Medizin; als Hochschullehrer ging er mit seinen Studenten auf botanische Exkursionen, und die Botanik war es auch, die ihn berühmt gemacht hat. In seinem „New Kreütterbůch“ beschrieb er an die 400 einheimische und zahlreiche importierte Pflanzen, manche, wie Paprika und Mais, zum ersten Mal in Deutschland. Das Buch ist nicht das Einzige seiner Art, doch mit seinen opulenten und ausgesprochen modern anmutenden Illustrationen vermutlich das Schönste. Dank eines (fast sittenwidrig preiswerten) Reprints aus dem Taschen-Verlag kann heute jeder diese Zeichnungen bewundern.

Dieses Buch zu betrachten, hilft auch gegen das verbreitete Narrativ von den in einem finsteren Mittelalter quacksalbernden Ärzten, in dem einzig ein paar von der Kirche verfolgte Kräuterfrauen den Menschen helfen konnten: Das hier gesammelte Wissen ist immens, und sind auch die Angaben zu „krafft und würckung“ der Pflanzen meist sehr breit gefasst, so können wir doch davon ausgehen, dass kundige und gebildete Ärzte sehr wohl für und gegen vieles ein Kraut kannten. Erst die Finsternis des Dreißigjährigen Krieges löschte große Teile dieses Wissens aus.

Fuchs’ Nachruhm überdauerte Jahrhunderte, Kirchen wurden nach dem Vorbild der Abbildungen seines Buches ausgemalt; und um 1700 benannte man die damals neu entdeckte Fuchsie nach ihm.

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Am Abend eines heißen Tages: das Gärtnerhaus im Leonhart-Fuchs-Garten in Ansbach

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Blandy’s Garden

Die madeirische Inselhauptstadt Funchal hat drei große (und unzählige kleinere) Parks. Während der offizielle Botanische Garten und der Tropische Garten von Monte auf fast allen Besichtigungsplänen stehen, geht es in Blandy’s Garden (portugiesisch Jardim Palheiro) deutlich ruhiger zu. In 500m Höhe auf einem für madeirische Verhältnisse nur wenig geneigten Plateau gelegen, bietet er auf den ersten Blick das Bild eines englischen Landschaftsgartens mit Rasenflächen, Baumgruppen und abgegrenzten formalen Beeten.

Erst beim zweiten Hinsehen stellte sich bei mir, gerade wegen der vordergründig europäischen Form, ein ähnlich surrealer Effekt ein wie im Garten von Monte. Seit über 200 Jahren haben die Besitzer des Gartens – zuerst die portugiesische Adelsfamilie Carvalhal und dann die reichen britischen Blandys – gesammelt, was ihnen an Pflanzen unter die Finger kam. Die zum Teil riesigen alten Bäume stammen aus allen Teilen der Erde, und das Klima auf der Höhe erlaubt es, praktisch fast alles an- und durcheinanderzupflanzen, was irgendwo auf dieser Welt wächst. (Von kalkliebenden und Wüstenpflanzen vielleicht mal abgesehen.)

So stehen dort Palmen neben Lorbeer, Eichen und südamerikanischen Araukarien, und wo bei uns Veilchen oder Krokusse wüchsen, breiten sich als Unterwuchs Montbretien und Calla aus. Das alles ließ sich zeichnerisch natürlich nicht erfassen, jedenfalls nicht an einem Nachmittag. Ebenso konnte ich die hunderte an blühenden Kamelien nur betrachten und bestaunen, nicht aber abbilden.

Gezeichnet habe ich am Ende einen Blick auf das immer noch von den Blandys bewohnte Herrenhaus mit seinen englischen Kaminen vor einer grauen Wand aus kahlem Laubwald (es war auch ein ganz europäisch grauer und kühler Nachmittag), halb versteckt hinter blühenden Beeten, Palmen, Zypressen und Aloen.

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Villa Blandy im gleichnamigen Park oberhalb von Funchal/Madeira. Lexington Grey Ink in S&B Zeta.


Chinoiserie II

Vor einiger Zeit habe ich ein chinesisches Teehaus mitten in Hamburg gezeichnet und dabei auch ein bisschen über die europäischen China-Moden nachgedacht. Für Mitteleuropäer eher unerwartet trifft man auch auf Madeira immer mal wieder auf Chinesisches, war doch die jesuitische Ostasien-Mission der portugiesischen Krone unterstellt. (Scorseses Film „Silence“, der gerade in unsere Kinos kommt, erzählt davon.)

Vielleicht deshalb, vielleicht auch aus ganz anderen Gründen finden sich im „Monte Palace Tropical Garden“ oberhalb von Funchal mehrere in ostasiatischem Stil gestaltete Gartenabschnitte. Der Garten, ganz in der Nähe der Wallfahrtskirche gelegen, ist in einer schattigen Schlucht gelegen, die nicht nur mit Chinoiserien, sondern mit einer geradezu psychedelisch anmutenden Mischung an Pflanzen und Sammelstücken angefüllt ist, verbunden mit Wasserfällen, Brückchen, Tempelchen, Teichen …

Neben den zahlreichen ostasiatischen Objekten gibt es eine riesige Sammlung portugiesischer Azulejos (kunstvoll gestalteter Kacheln), ein Sammelsurium an Plastiken vom alten Rom bis zur Gegenwart, sandsteinerne Reste (meist Fensterrahmen) von madeirischen Häusern – mehr haben die zahlreichen Naturkatastrophen aus den ersten Jahrhunderten der Inselbesiedlung nicht übrig gelassen – , moderne afrikanische Kunst und eine Mineraliensammlung. Wenn man ausnahmsweise mal kein Artefakt im Blickfeld hat, meint man, gleich käme Captain Jack Sparrow hinter dem nächsten Farnwedel hervor, denn auch die Bepflanzung ist ausgesprochen eklektisch und erinnerte mich Schatzinselfilme.

Bei meinem ersten Besuch vor drei Jahren habe ich mich zuerst einmal von dieser Pflanzenwelt überwältigen lassen. Dieses Mal bin ich ganz gezielt hingefahren, um mir zumindest einen Teil der ausgestellten Dinge näher zu betrachten und zu zeichnen.

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Chinesische Steinlaterne im „Tropical Monte Palace Garden“ oberhalb von Funchal/Madeira