Propheten und Piraten

Ein Mann sitzt, bequem zurückgelehnt, mit rosigen Schlafwangen auf einer Bank. Der lange Bart kennzeichnet ihn als alt, der buddhahaft runde Bauch als wohlhabend. Am Brustkorb ist die Jacke (oder, passend zur Zeit, das Wams) mit einem sauberen Schnitt geöffnet, und heraus wächst ein Baum. Illustriert wird hier eine Stelle aus dem alten Testament, beim Propheten Jesaja: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ Isai – Jesse in der mittelalterlichen Diktion – ist der Vater des zukünftigen König David, noch nicht selbst König, doch ein geachteter wohlhabender Mann.

Den Autoren der christlichen Evangelien war daran gelegen, Jesus mit den messianischen Prophetien des Alten Testaments zu verbinden, und zwar sowohl genealogisch als auch inhaltlich. Daraus entwickelte sich das Motiv des Jessebaums, einer bildlichen Darstellung des Stammbaums Jesu.

Ich war von diesem Bild des in sich ruhenden, vom Gedanken an erfüllte Nachkommenschaft ganz durchdrungenen alten Mannes sehr berührt. Vielleicht hört er im Geist auch die Worte des Propheten Jesaja über das Reich Gottes, das in den Zweigen dieses Baums erblühen soll: „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. “

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Wurzel Jesse, von einem Schnitzaltar im Lübecker St.Annen-Museum.

Der Lübecker Dombezirk liegt ein wenig abseits, es ist stiller dort als in den Kaufmannskirchen der Innenstadt. Zum Zeichnen hatte ich unter der reichen Ausstattung nach einem überschaubaren Motiv gesucht, und meine Wahl fiel auf die Kanzelabtrennung – eine Art Zaun um den Fuß der Kanzel, der den Propheten Mose darstellt. Den sieht man allerdings kaum, so prächtig sind die „Zaunpfähle“ gestaltet, kunstvollstes Schmiedeeisen wechselt ab mit seltsamen Hermen, in eine Säule übergehenden Brustfiguren.

Die männlichen von ihnen tragen Kopftücher und üppige, melancholische Bärte um schwellende rote Lippen herum. Erst zu Hause konnte ich das Rätsel lösen: Dieses Kanzelgitter ist die Spende einer Schifferinnung, die kopftuchtragenden Herren sollen vermutlich irgendwie exotisch gedachte Piraten darstellen, mit denen auf die Risiken des seefahrenden Berufs angespielt wird.

Über Ihnen ist eine Inschrift angebracht: EINEN PROPHETEN ALSE MI WERT DI DE HER DIN GODT ERWECKEN VT DI UN DINE BRODERN DE SCHOLE GI HORE. DEUT 18 (Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde.) Auch eine prophetische Aussage, dieses Mal aus dem 5.Buch Mose, Kap.18.

Aber was für ein seltsames Deutsch, ein frühes Niederdeutsch, dem englischen und holländischen verwandter als unser heutiges, in einer noch von keinem Duden kanonisierten Rechtschreibung. Der Text stammt aus der Übersetzung Johannes Bugenhagens, eines Reformators der ersten Stunde, Freund Luthers. Noch 150 Jahre lang wurde seine – an die Lutherische eng angelehnte – Bibelübertragung immer wieder aufgelegt, bis das Hochdeutsche im gottesdienstlichen Rahmen mehr und mehr an Raum gewann.

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Ein „Zaunpfahl“ des Kanzelgitters im Lübecker Dom.

 

 

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