Ludwigslust am Wasser, 2

Das westmecklenburgische Ludwigslust liegt zwischen Erlenbruch und staubtrockener Binnendüne, kein Fließgewässer weit und breit und doch haben barocke Geltungssucht, solide Ingenieurskunst und nicht zuletzt der Schweiß der Kanalarbeiter dieser Landschaft einige unerwartete Wasserspiele abgerungen. Als die Kaskaden fertig waren, war das Barock vorbei, und der Park wurde im Stil eines englischen Landschaftsgarten umgestaltet.

Passend dazu entstand eine Kirche im Tudorstil, auf einem künstlichen Inselchen gelegen. Dass diese Kirche von Anfang an als katholische Kirche konzipiert war und somit der zweite katholische Kirchenneubau nach der Reformation in Mecklenburg, habe ich erst heute nachgelesen.

Beim Zeichnen habe ich mich bewusst für die frontale Ansicht entschieden, um die reiche Backsteindekoration der Fassade zur Geltung kommen zu lassen. Die seltsamen antennartigen Aufbauten auf den kleineren Türmchen sind vermutlich Blitzableiter – der Herzog hatte eine große Angst vor Gewittern.

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Katholische Kirche im Ludwigsluster Schlosspark, verschiedene Tinten und Marker mit Wasserfarbe auf S&B Beta.

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Tudorburg und Nierentisch

Nach der Entdeckung des Coburger Sonnenhauses war ich dort ein wenig auf der Suche nach Stilbrüchen. (Zu Hause erst fiel mir auf, dass ich die sehr attraktive Renaissance-Architektur mit ihren bunten Fassaden ganz und gar verschmäht hatte.) Fündig wurde ich am frisch renovierten Albertsplatz, an dem sich eine der einschlägigen Tudorburgen mit einem Ladengeschäft in lupenreiner Nachkriegs-Nierentischästhetik verbunden hat. Als ich mir später Archivbilder des Platzes ansah, stellte ich fest, dass bei der Neugestaltung jemand mit Gespür für Details am Werk gewesen sein musste: Der so passgenau scheinende Schriftzug ist neu und hat einen im 70er/80er-Stil ersetzt.

Albertsplatz, Coburg. PITT-Marker und Wasserfarbe in S&B Beta.

Albertsplatz, Coburg. PITT-Marker und Wasserfarbe in S&B Beta.


Coburg

Kurz bevor ich zu meiner Wanderreise aufbrach – von der ich im übrigen bereits seit einigen Tagen zurück in Schwerin bin, wo ich nun die mitgebrachten Zeichnungen sichte – las ich in Uwe Timms Essay „Der Lichtspalt unter der Zimmertür“ einige Sätze über das Coburg von 1944: „Eine Stadt, in der sich Lebensformen erhalten hatten, wie sie heute kaum mehr vorstellbar sind. … Der Herzog, 1918 zur Abdankung gezwungen, wohnte mit Prinzen und Prinzessinnen im Schloss Callenberg. … In der Stadt mit ihren Fachwerkhäusern arbeiteten die Fassmacher, Tischler, Schmiede, Schumacher, Schneider. Man konnte ihnen, wie heute noch im Orient, bei der Arbeit zusehen.“

Ich habe bei meinen Spaziergängen durch die schön restaurierte und wohlhabende Stadt immer mal wieder an diese Zeilen gedacht. Fassmacher und Tischler sind längst den üblichen Ladenketten gewichen, doch die weitläufigen Plätze, Parks und Villen lassen das residenzhafte der Stadt noch heute deutlich spürbar werden.

Stadtpatron ist der heilige Mauritius, der mir bei meinen Wegen durch das „Salzland“ im Thüringer Becken schon mehrfach begegnet ist. Ihm ist auch die größte Kirche der Stadt geweiht, die Moriz-Kirche.

Blick über den Coburger Schlossplatz zum Turm der Morizkirche

Blick über den Coburger Schlossplatz zum Turm der Morizkirche


Neo oder echt …

… gotisch, das ist im Coburger Land mehr noch als anderswo eine architektonische Rätselfrage. Coburg ist so etwas wie die Welthauptstadt der Neugotik, genauer gesagt: des Neu-Tudorstils. Der Prinzgemahl der englischen Königin Victoria, die einer ganzen Epoche ihren Namen gegeben hat, stammte aus dem Haus Sachsen-Coburg, und als Hommage an das englische Königshaus wurde hier im Tudorstil gebaut, was das Zeug hielt.

Das einige Kilometer von Coburg entfernte Schloss Rosenau hat einen original gotischen Kern, so dass es mir bei meiner Rast am vierten Wandertag schwer fiel, „echt“ und nachgemacht auseinander zu halten.

Eingang zum Schloss Rosenau bei Coburg, Marker, Tinte und Aquarell in einem S&B-Aquarellbuch

Eingang zum Schloss Rosenau bei Coburg, Marker, Tinte und Aquarell in einem S&B-Aquarellbuch