Madeira im Februar – Teil 1

Nun bin ich schon wieder eine Woche zu Hause. Höchste Zeit, das Reisetagebuch zu scannen und mich dem deutschen (Vor)Frühling zuzuwenden. Hier ist nun Teil 1 der Nachlese.

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Bei der Mutter der Insel

Hoch oben über der Stadt Funchal steht im Vorort Monte eine Wallfahrtskirche. Hier ist es deutlich kühler als unten und feucht vom Nebel. „Die Kälte, die Feuchtigkeit, die Nebel schaffen ein durch und durch von Pflanzen beherrschtes Reich, in dem die Menschen fast fürchten, auf ihren Händen könnten Flechten wachsen und auf ihrem Haar Moos“ schreibt Helena Marques in ihrem Madeira-Roman „Raquels Töchter“. (Das Buch ist eine aus anrührenden kleinen Geschichten zusammen gesetzte Familiensaga aus der Welt des gehobenen Funchaler Bürgertums um 1900; manchmal dicht am Kitsch, gibt es doch viele interessante Hintergrundinformationen zu dem, was man heute in Funchal sieht.)

Um die Kirche herum ist Trubel, hier kommen die Touristen von der Seilbahn und drängen sich die Korbschlittenfahrer um Kundschaft. Gut hundert Meter weiter gibt es einen kleinen Platz mit Anklängen an früheren Kurbetrieb, Bänken, Platanen, ein, zwei Cafés. Aus einer Felswand, gefasst in ein hübsches Brunnenhäuschen und überhangen von riesigen Farnwedeln, sprudelt eine Quelle. Hier ist der eigentliche Ort der „Nossa Senhora de Monte“.

Es war an dem Nachmittag, an dem ich dort saß – die Sonne war aus dem Nebel hervorgekommen, stand aber schon schräg – ein ungemein friedlicher, stiller Ort. Einzelne Menschen betraten das blumengeschmückte Brunnenhäuschen mit dem Madonnenbild, tranken einen Schluck, einige füllten wohl auch mitgebrachte Flaschen und zündeten eine Kerze an. Der Kellner des Cafés, ein alter Herr, kam ab und zu und richtete die umgefallenen Kerzen wieder auf …

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Das Brunnenhäuschen der heiligen Quelle in Monte/Madeira.


Basilika mit Lukas

In der Mitte meiner Tour durch die Fränkische Schweiz habe ich einen Tag in Gößweinstein Station gemacht. Neben Fachwerk und Burg hat der Marktflecken auch eine Wallfahrtskirche zu bieten, die sich sogar mit dem päpstlichen Dienstgrad „basilica minor“ schmücken darf. Der Ort hat eine lange Wallfahrtstradition. Die heutige Kirche ist in jenem typischen süddeutschen Barockstil erbaut, der mir mit meiner norddeutsch-protestantischen Sozialisation in seiner verspielten Leichtigkeit manchmal etwas unverständlich ist. Im vergangenen Jahr bekam ich in der recht ähnlichen Kirche in Vierzehnheiligen dazu jedenfalls nur wenig Zugang.

In Gößweinstein kam ich damit besser zurecht und hatte meine Freude an den wirklich sehr kunstvoll gestalteten Plastiken in ihrer Lebendigkeit. Der auf dem Kanzelrand die Beine baumelnde Evangelist Lukas hatte es mir besonders angetan; abends in der Messe erfuhr ich dann, dass ich ihn auch noch an seinem Namenstag gezeichnet hatte!

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Evangelist Lukas auf der Kanzel der Wallfahrtskirche in Gößweinstein. Die Aquarellskizze habe ich komplett vor Ort gezeichnet, die Bleistiftstudie, die zwei Tage später entstanden ist, zu Hause noch vertieft, ebenso den Engel.


Noch ein heiliger Hügel

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Die Hankirche oberhalb von Prächting

Das Land am Obermain ist reich an mit Kirchen und Kapellen bebauten Hügeln. Neben den drei weithin bekannten – Vierzehnheiligen, Staffelberg und – auf der anderen Mainseite – Kloster Banz, gibt es noch weitere, weniger prominente. Auf meinem Weg vom Staffelberg Richtung Bamberg sah ich schon von weithin die Hankirche, die oberhalb des Dorfes Prächting neben einem einzelnen Gehöft liegt. Als Pfarrkirche des kleinen Ortes wirkt sie überdimensioniert und ein bisschen verlassen (und war, als ich dort rastete, verschlossen wie überraschend viele Kirchen in dieser Gegend.)

Später las ich, dass der seltsame Name sich von Hain herleitet (und man das „a“ demnach wohl lang ausspricht), und zwar durchaus im Sinne von „heiliger Hain“. In Mittelalter und Barockzeit hatte sie noch Bedeutung als regionale Wallfahrtskirche.


Anderswelt und Gottesgarten

Der oberfränkische Staffelberg ist ein Tafelberg, der mit seiner obersten Platte an die hundert Meter über die umgebenden Hügel hinausragt. Steil wie die Zinnen einer Burg steigen die Felsen aus dem sonst sanften Hügelland, und so wundert es nicht, dass sich hier zahlreiche uralte Besiedlungsspuren finden, u.a. die einer keltischen Adelsburg. Im Mittelalter erbaute man ein Wallfahrtskirchlein auf der hochgelegenen Fläche, und bis ins frühe 20.Jahrhundert lebte hier noch ein Einsiedler. (Vielleicht fand ja E.T.A.Hoffmann in seinen Bamberger Jahren in ihm das Vorbild für seine Erzählung über den Einsiedler Serapion, eine frühe Studie über Konstruktivismus und Wahn.)

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Nebel an der Adelgundis-Kapelle auf dem Staffelberg.

Als ich den Berg von Vierzehnheiligen her erwanderte, lag das Land in dichten Nebel gehüllt, der sich auch nicht lichtete, als ich oben ankam. Im Gegenteil. Waren mir auf dem Weg noch deutlich mehr Wanderer als auf anderen Wegen begegnet, war ich oben ganz allein, auch die Kapelle und die kleine Gastwirtschaft waren verschlossen. In dieser Stimmung wirkte der Ort sehr keltisch und ich musste an Druiden und die Anderswelt denken.

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Blick vom Morgenbühl auf den Staffelberg.

Beim Abstieg zeigte der Berg sich dann von einer anderen Seite, der Weg schlängelte sich durch eine liebliche, geradezu paradiesische Landschaft voller Nussbäume und Streuobstwiesen, die dem Beinamen „Gottesgarten“ für die Obermainregion alle Ehre machte.

Zeichnen konnte ich ihn dann erst am nächsten Morgen, als der Nebel sich ein wenig gehoben hatte.


Rokoko, kopflos

Statue des heiligen Dionysius in der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen.

Statue des heiligen Dionysius in der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen.

Einige Kilometer von Lichtenfels entfernt befindet sich auf einem Hügel die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen. Als ich Ende Oktober zu Fuß dort ankam, hatte ich erst einmal einige Kilometer Autobahnzubringer zu erlaufen, bevor der Weg ins freie Land abbog – nicht ohne den Lärm aus dem Tal noch lange mitzunehmen. Die Kirche war weithin zu sehen, wenn auch ihre Türme eingerüstet waren und die Spitzen im Nebel verschwanden.

Im Zentrum der Kirche steht der Gnadenaltar – wirklich in der Mitte, ein freistehendes Gebilde aus Stuck und Gold, über und über ornamentiert und von vierzehn ebenfalls goldstuckigen, lebensgroßen Heiligenfiguren bevölkert. Gestern war ich noch im protestantisch-neogotischen Coburg gewesen, und nun dieses animistische Rokoko ….

Gezeichnet habe ich am Ende die Statue des heiligen Dionysius, des legendären ersten Bischofs von Paris. Er soll um 250 auf dem Montmartre, dem „Berg der Märtyrer“, geköpft worden sein und dann mit dem Kopf in der Hand noch ein Stück gelaufen sein.  Hier steht er im kostbaren Bischofsgewand und hält seinen abgeschlagenen Kopf in den Händen wie einen Prozessionsgegenstand – sozusagen ein edler Vorfahre des Claus Störtebeker. In Frankreich kennt man ihn unter dem Namen St.Denis, und in der ihm geweihten Kirche sind fast sämtliche französischen Könige begraben.